"Getragen vom Gewebe des Lebens"

Gottesdienste sind wieder abgesagt. Die Gemeinschaft fehlt. Doch das Christentum kennt ein breiteres Verständnis der Gemeinschaft. Gemeinschaft kann jeder Einzelne auch Zuhause erfahren. Wie sieht das konkret aus?

Das erste, was mir in den Sinn kommt, ist die Weltweite Kirche. Jedes Mal, wenn wir das Unser Vater beten, erinnert die Pfarrperson daran, dass wir durch dieses Gebet miteinander über die Landesgrenzen verbunden sind. Der Grund ist, dass an jedem Sonntag dieses Gebet überall in den Kirchen gesprochen wird.

Ein weiteres Beispiel über diese Verbundenheit über die Mauer hinaus ist Dietrich Bonhoeffer. Der schrieb im Gefängnis viele Briefe an seine Familie und Bekannten. Er betont immer wieder die Verbundenheit durch die Fürbitte. „Für mich ist es so oft eine grosse Hilfe gewesen, am Abend an alle die zu denken, deren Fürbitte ich gewiss bin… Ich glaube, dass ich viel Bewahrung in meinem Leben der Fürbitte Bekannter und Unbekannter zu danken haben“.

Zu diesem Beispiel kommt mir auch eines seiner bekanntesten Gebete - «Von guten Mächten» - das von der Verbundenheit mit der Gemeinschaft handelt. Das äussert sich in dem «Wir», dass immer wieder vorkommt. «Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir, was kommen mag».

Als drittes Beispiel fällt mir die deutsche Theologin, Dorothe Sölle, ein. Sie schrieb einmal: „Ich fühle mich oft getragen vom Gewebe des Lebens, von den vielen Fäden, die gerade zwischen Frauen, aber auch zwischen Männern und Frauen gespannt sind. Obwohl ich mich manchmal elend verloren in Westdeutschland gefühlt habe, empfand ich doch immer ein Zuhause sein unter denen, die an diesem Zusammenweben beteiligt sind“. Sölle spricht von einer Gemeinschaft, die verbunden ist durch das Verfolgen eines gemeinsamen Zieles.

Zentral ist auch die Gemeinschaft mit Gott. Denn wenn Jesus sich im Garten Gethsemane allein fühlte, betete er zu Gott und bekam von ihm die Kraft, um seinen schwierigen und leidvollen Weg zu gehen.

Zum Schluss ein Gedicht von Rose Ausländer für «mit auf den Weg»

Gemeinsam

Vergesset nicht

Freunde

wir reisen gemeinsam

besteigen Berge

pflücken Himbeeren

lassen uns tragen

von den vier Winden

Vergesset nicht

es ist unsre

gemeinsame Welt

die ungeteilte

ach die geteilte

die uns aufblühen lässt

die uns vernichtet

diese zerrissene

ungeteilte Erde

auf der wir

gemeinsam reisen

Rose Ausländer, Ich höre das Herz des Oleanders, Gedichte 1977-1979, S. Fischer Verlag, Frankfurt a./M. 1984