Händeschütteln - eine kleine Kulturgeschichte (14.03.2020)

Statt Händeschütteln ist aktuell Füsseschütteln angesagt. In den letzten Wochen haben sich in der Schweiz aufgrund des Coronavirus neue Grussformen etabliert. Trotzdem finden es viele schwierig, auf das Händeschütteln zu verzichten. Es ist wie bei vielem im Leben: Erst wenn es fehlt, merken wir, wie wichtig es uns ist. Unzählige Male haben wir in unserem Leben schon Hände geschüttelt. Ich habe mich aufgrund dieser besonderen Lage zum ersten Mal gefragt, warum uns dies so lieb ist.

Das Händeschütteln ist ein sehr altes Grussritual. Im Neuen Testament wird im Brief von Paulus an die Galater erwähnt, dass Paulus beim Abschied in Jerusalem die «rechte Hand der Freundschaft» gereicht wurde. Dieser Brief, ca. 50 n. Chr. verfasst, weist darauf hin, dass sich bereits die Griechen und die Römer die Hände schüttelten. Es wird vermutet, dass das Ritual des Händeschüttelns auf das Winken im Kampf zurückgeht, was damals bedeutete: «Seht her, ich habe keine Waffe in der Hand». Andere vermuten, dass das Ritual in seiner heutigen Form von den Quäkern, einer christlichen Gemeinschaft, erfunden worden ist. Diese reichten allen die Hand als Zeichen dafür, dass alle gleich sind und man sich vor niemandem verneigen oder verbeugen muss. Das Händeschütteln ist so wichtig, dass es sich sogar als Teil des reformierten Gottesdienstes und der Messe etabliert hat, nämlich im Friedensgruss. Dieser steht dafür, dass man sich versöhnt und sich gegenseitig Frieden wünscht.

Wichtig finde ich, dass das Händeschütteln in unserer Kultur ein Ritual ist, also eine Handlung mit symbolischer Bedeutung. Wenn man sich mit jemandem trifft, ist das Händeschütteln nicht nur ein Gruss, sondern auch eine Form der Wertschätzung und der Wahrnehmung des anderen.

Um die Verbreitung des Coronavirus zu vermeiden, muss nun auf das Händeschütteln verzichtet werden. Ich merke im Alltag immer wieder, wie schwierig das ist. Einerseits weil es eine Gewohnheit ist, und anderseits, weil die Verweigerung des Händeschüttelns mit Distanzierung oder Unhöflichkeit verbunden werden kann.

Ich sehe diese Massnahme als eine Chance, neue Formen zu entwickeln, um Nähe zu zeigen. Einige schlagen das Lächeln vor. Mir gefällt auch der Blickkontakt. Kinder gehen spielerisch damit um. Meine Nichte entwickelte einen Ellbogengruss. Trotzdem freue ich mich darauf, hoffentlich schon bald wieder Hände zu schütteln. Denn jetzt weiss ich: Das Händeschütteln hat nicht nur mit Höflichkeit zu tun, sondern vor allem mit Frieden, Freundschaft und Gleichberechtigung.

Erschienen im Bielertagblatt am 14.03.2020


Titel Dateiname Typ Grösse
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