Blumen Artist
Als Joni Mitchell, Autorin des nächsten Liedes, ihr Album schrieb, ging sie durch eine Trennung. Rückblickend erzählte sie: «In dieser Phase meines Lebens hatte ich keine persönlichen Verteidigungsmöglichkeiten. Ich fühlte mich wie eine Zellophanhülle auf einer Zigarettenschachtel. Ich hatte das Gefühl, dass ich absolut keine Geheimnisse vor der Welt hatte und ich konnte in meinem Leben nicht so tun, als wäre ich stark. Oder glücklich zu sein»
Am Ende vom Lied macht sie ein merkwürdiges Geschenk:
Blau, hier ist eine Muschel für dich
In ihr wirst du einen Seufzer hören
Ein nebliges Wiegenlied
Da ist dein Lied von mir
"Ein nebliges Wiegenlied" kommt mir wie ein Mantra vor, das uns in Zeiten des Leidens helfen kann, wie zum Beispiel: "Dies ist ein Moment des Leidens" oder "Leiden gehört zum Leben", "Das ist wirklich hart für mich" und "Möge ich mir selbst das Mitgefühl schenken, das ich brauche."
Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass Joni Mitchell das Bild der Muschel aufnimmt. Denn in Muscheln entstehen durch das Reiben Perlen. Sowie Maria Sassin in ihrem Gedicht schrieb:
Perlen
Hüll dich tief in dein Muschelsein
öffne deine Schale jedem Sonnenstrahl
spüre tief die Sandkörner des Schmerzes
und forme aus ihnen edle Perlen
freue dich an ihrem sanften Schein
silbermatt glänzende Tränentropfen
mild wie der Mond am Himmelszelt
ohne verletzende Ecken und Kanten
abgerundet von den Wellen der Zeit
kostbar erworbener Glanz
Schönheit aus dem Schmerz geboren.
© Maria Sassin
Ein Wort begegnet mir seit ein paar Jahre immer wieder: Unverfügbarkeit.
Ein deutscher Soziologe, Harmut Rosa, hat darüber ein ganzes Buch geschrieben. Er sagt, dass das Leben sich als Wechselspiel vollzieht, zwischen dem, was uns verfügbar ist, und dem, was unverfügbar bleibt.
Gerade in unserer heutigen Welt ist dieser Gedanke fast etwas unerträglich. Denn heute wird immer die Optimierung und Verbesserung gesucht: Berge sind zu besteigen, Prüfungen zu bestehen, Karrierestufen zu nehmen, Orte zu besuchen und zu fotografieren. Wie gelingt uns, uns in diesem Verbesserungszwang nicht zu verlieren?
Tango
«Das Leben vollzieht sich als Wechselspiel zwischen dem, was uns verfügbar ist und dem, was unverfügbar bleibt»
Ich finde diesen Gedanken tröstlich, denn es erinnert mich daran, dass ich noch überrascht werden kann. Dass Veränderung unerwartet eintreten kann. Dass nicht alles von meiner Leistung abhängt und dass wir nicht alles beeinflussen können und müssen. Es gibt einen Teil, der uns unverfügbar bleibt und Raum fürs Unbekannte zulässt. Im Christentum spricht man von Gnade, Geschenk. Gerade bei Gnade geht es darum: «nicht von uns, sondern durch uns». Denn «Das Tun» blockiert Inspiration, Kreativität, Leichtigkeit, Freiheit und Vision. Sei bereit zu schauen, was das Loslassen von diesem «Tun» bewirkt. Alles kann mit Gnade vollbracht werden – durch dich, nicht von dir»
Dabei kommt mir ein Gedicht von Andreas Knapp in den Sinn:
vom nicht machbaren
wovon du wirklich lebst
was dich im tiefsten nährt
schenkt sich dir freigiebig
wie von selbst
der zauber des abendhimmels
die leise erwachenden sterne
die hand auf der schulter
das wort das für immer gilt
setz dich in des baumes schatten
du brauchst den apfel
nicht zu pflücken
er fällt dir in den schoß
nie und nimmer verdient
doch zu gegebener stunde
zugespielt von
himmlischen händen
Andreas Knapp, Gedichte auf Leben und Tod, Würzburg 2008, S. 80.
Heute hören wir ein Lied, das als Kind mein Lieblingslied war: Farben des Windes vom Film: Pocahontas. In diesem Film geht es um die Eroberung Lateinamerikas und wie zwei unterschiedliche Kulturen aufeinanderprallen. Im Lied stellt Pocahontas ihre Weltanschauung vor und fordert ihr Gegenüber auf, sich für andere Welten zu öffnen, anstatt zu glauben, dass alle wie er leben und denken.
Dies ist immer eine der grössten Herausforderungen zwischen uns Menschen: offen zu sein und zu bleiben, offen für anders Denken und Handeln – ohne es sofort zu beurteilen.
Im Lied steht:
Für dich sind echte Menschen nur die Menschen,
Die so denken und so aussehen wie du
Doch folge nur den Spuren eines Fremden
Dann verstehst du und du lernst noch was dazu
Wir sind im Alltag immer wieder damit konfrontiert, uns vor dem Unbekannten zu verschliessen oder uns zu öffnen. Wobei sich verschliessen einfacher ist als sich zu öffnen. Denn, wenn ich mich verschliesse, bleibe ich in meiner vertrauten Welt und bewege mich eher wenig. Dies führt aber manchmal zur Enge. Anders ist es, wenn ich mich öffne, denn dies kann mir neue Freiheiten bringen.
So lade ich Sie ein, diese Woche, wenn Ihnen etwas „Fremdes oder Neues“ begegnet, innenzuhalten vor oder nach der Begegnung und sich zu fragen: Was geschieht in mir gerade? Öffne ich mich oder verschliesse ich mich? Entscheiden Sie sich dann bewusst für einen Weg. Vielleicht gelingt es uns wenigstens einmal, offen zu bleiben. Damit ergibt sich die Chance, dass uns dort etwas Neues begegnet, was uns weiterbringt, denn Gott wirkt auch im Unbekannten, wie Pierre Stutz in seinem Gedicht sagt:
Offen für Überraschungen
Dem Leben wirklich Tag für Tag begegnen
heisst offen sein und bleiben
für das Unerwartete
für die Verwandlung
für die Überraschung
Dem Leben in seiner ganzen Fülle
von Faszination und Widersprüchlichkeit gerecht werden
heisst sich bewegen lassen von DIR
Lebensatem in allem
Dem Leben nicht ausweichen in seinen kreativen Prozessen
und in seinen herausfordernden Anfragen
heisst sich kein festes Bild machen
nicht von sich selber
nicht von den anderen
nicht von der Welt
nicht von Gott