Zwölf nach Zwölf am 10. Juni 2024

Als Joni Mitchell, Autorin des nächsten Liedes, ihr Album schrieb, ging sie durch eine Trennung. Rückblickend erzählte sie: «In dieser Phase meines Lebens hatte ich keine persönlichen Verteidigungsmöglichkeiten. Ich fühlte mich wie eine Zellophanhülle auf einer Zigarettenschachtel. Ich hatte das Gefühl, dass ich absolut keine Geheimnisse vor der Welt hatte und ich konnte in meinem Leben nicht so tun, als wäre ich stark. Oder glücklich zu sein»

Am Ende vom Lied macht sie ein merkwürdiges Geschenk:

Blau, hier ist eine Muschel für dich

In ihr wirst du einen Seufzer hören

Ein nebliges Wiegenlied

Da ist dein Lied von mir

"Ein nebliges Wiegenlied" kommt mir wie ein Mantra vor, das uns in Zeiten des Leidens helfen kann, wie zum Beispiel: "Dies ist ein Moment des Leidens" oder "Leiden gehört zum Leben", "Das ist wirklich hart für mich" und "Möge ich mir selbst das Mitgefühl schenken, das ich brauche."  

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass Joni Mitchell das Bild der Muschel aufnimmt. Denn in Muscheln entstehen durch das Reiben Perlen. Sowie Maria Sassin in ihrem Gedicht schrieb:

Perlen

Hüll dich tief in dein Muschelsein

öffne deine Schale jedem Sonnenstrahl

spüre tief die Sandkörner des Schmerzes

und forme aus ihnen edle Perlen

freue dich an ihrem sanften Schein

silbermatt glänzende Tränentropfen

mild wie der Mond am Himmelszelt

ohne verletzende Ecken und Kanten

abgerundet von den Wellen der Zeit

kostbar erworbener Glanz

Schönheit aus dem Schmerz geboren.

© Maria Sassin

Zwölf nach zwölf am 27. April 2024

Ein Wort begegnet mir seit ein paar Jahre immer wieder: Unverfügbarkeit.

Ein deutscher Soziologe, Harmut Rosa, hat darüber ein ganzes Buch geschrieben. Er sagt, dass das Leben sich als Wechselspiel vollzieht, zwischen dem, was uns verfügbar ist, und dem, was unverfügbar bleibt.

Gerade in unserer heutigen Welt ist dieser Gedanke fast etwas unerträglich. Denn heute wird immer die Optimierung und Verbesserung gesucht: Berge sind zu besteigen, Prüfungen zu bestehen, Karrierestufen zu nehmen, Orte zu besuchen und zu fotografieren. Wie gelingt uns, uns in diesem Verbesserungszwang nicht zu verlieren?

Tango

«Das Leben vollzieht sich als Wechselspiel zwischen dem, was uns verfügbar ist und dem, was unverfügbar bleibt»

Ich finde diesen Gedanken tröstlich, denn es erinnert mich daran, dass ich noch überrascht werden kann. Dass Veränderung unerwartet eintreten kann. Dass nicht alles von meiner Leistung abhängt und dass wir nicht alles beeinflussen können und müssen. Es gibt einen Teil, der uns unverfügbar bleibt und Raum fürs Unbekannte zulässt. Im Christentum spricht man von Gnade, Geschenk. Gerade bei Gnade geht es darum: «nicht von uns, sondern durch uns». Denn «Das Tun» blockiert Inspiration, Kreativität, Leichtigkeit, Freiheit und Vision. Sei bereit zu schauen, was das Loslassen von diesem «Tun» bewirkt. Alles kann mit Gnade vollbracht werden – durch dich, nicht von dir»

Dabei kommt mir ein Gedicht von Andreas Knapp in den Sinn:

vom nicht machbaren

wovon du wirklich lebst

was dich im tiefsten nährt

schenkt sich dir freigiebig

wie von selbst

der zauber des abendhimmels

die leise erwachenden sterne

die hand auf der schulter

das wort das für immer gilt

setz dich in des baumes schatten

du brauchst den apfel

nicht zu pflücken

er fällt dir in den schoß

nie und nimmer verdient

doch zu gegebener stunde

zugespielt von

himmlischen händen

Andreas Knapp, Gedichte auf Leben und Tod, Würzburg 2008, S. 80.

Zwölf nach zwölf am 11. März 2024

Heute hören wir ein Lied, das als Kind mein Lieblingslied war: Farben des Windes vom Film: Pocahontas. In diesem Film geht es um die Eroberung Lateinamerikas und wie zwei unterschiedliche Kulturen aufeinanderprallen. Im Lied stellt Pocahontas ihre Weltanschauung vor und fordert ihr Gegenüber auf, sich für andere Welten zu öffnen, anstatt zu glauben, dass alle wie er leben und denken.

Dies ist immer eine der grössten Herausforderungen zwischen uns Menschen: offen zu sein und zu bleiben, offen für anders Denken und Handeln – ohne es sofort zu beurteilen.

Im Lied steht:

Für dich sind echte Menschen nur die Menschen,

Die so denken und so aussehen wie du

Doch folge nur den Spuren eines Fremden

Dann verstehst du und du lernst noch was dazu

Wir sind im Alltag immer wieder damit konfrontiert, uns vor dem Unbekannten zu verschliessen oder uns zu öffnen. Wobei sich verschliessen einfacher ist als sich zu öffnen. Denn, wenn ich mich verschliesse, bleibe ich in meiner vertrauten Welt und bewege mich eher wenig. Dies führt aber manchmal zur Enge. Anders ist es, wenn ich mich öffne, denn dies kann mir neue Freiheiten bringen.

So lade ich Sie ein, diese Woche, wenn Ihnen etwas „Fremdes oder Neues“ begegnet, innenzuhalten vor oder nach der Begegnung und sich zu fragen: Was geschieht in mir gerade? Öffne ich mich oder verschliesse ich mich? Entscheiden Sie sich dann bewusst für einen Weg. Vielleicht gelingt es uns wenigstens einmal, offen zu bleiben. Damit ergibt sich die Chance, dass uns dort etwas Neues begegnet, was uns weiterbringt, denn Gott wirkt auch im Unbekannten, wie Pierre Stutz in seinem Gedicht sagt:

Offen für Überraschungen

Dem Leben wirklich Tag für Tag begegnen

heisst offen sein und bleiben

für das Unerwartete

für die Verwandlung

für die Überraschung

Dem Leben in seiner ganzen Fülle

von Faszination und Widersprüchlichkeit gerecht werden

heisst sich bewegen lassen von DIR

Lebensatem in allem

Dem Leben nicht ausweichen in seinen kreativen Prozessen

und in seinen herausfordernden Anfragen

heisst sich kein festes Bild machen

nicht von sich selber

nicht von den anderen

nicht von der Welt

nicht von Gott