Blumen Artist
Heute ist in Deutschland der nationale Tag des Wanderns. Eigentlich könnten wir auch in der Schweiz diesen Tag feiern, denn unser Land hat über 650'000 Kilometer markierte Wanderwege. Wandern hat nicht nur einen körperlichen Anteil, sondern auch einen spirituellen.
Vor einigen Jahren entdeckte ich ein Buch von Anselm Grün: «Von Gipfeln und Tälern des Lebens». Er versteht das Wandern als Bild für den Weg als Mensch. Er sagt: «Beim Wandern wie im Leben geht es immer wieder darum, sich neuen Herausforderungen zu stellen, sich und seine Kräfte zu erproben, an den Aufgaben zu wachsen.»
Alle Wanderungen, die wir unternehmen, beginnen damit, dass wir uns ein Ziel setzen. Dann kommt die Zeit des Aufbrechens. Grün erklärt, Aufbrechen bedeutet «ein Lager auflösen, in dem man sich eingerichtet hat.» Dies fällt uns nicht immer leicht, denn wir wollen Neues wagen, können aber unsere Komfortzone nicht so leicht verlassen. Und doch ist es wichtig, uns immer wieder neue Ziele zu setzen, die es uns ermöglichen, zu wachsen.
Es gibt zwei Bilder im Buch, die mich zum Nachdenken angeregt haben. Das erste ist die Gipfelerfahrung. Den Gipfel, unser Ziel, zu erreichen, ist eine besondere Erfahrung. Nach all unseren Anstrengungen oben sein und die Aussicht zu geniessen, ist ein erhebendes Gefühl. Auch wenn der Weg, der hinter mir zurück liegt, manchmal mühsam war, hat es sich gelohnt. Dies ist ein Grund zum Feiern und sich Zeit zu nehmen, um zurückzuschauen: Wofür bin ich dankbar? Was hat mich auf meinem Weg weitergebracht?
Das zweite Bild, das Grün verwendet, nennt er «Zurück ins Tal». Dabei geht es vor allem um Erfahrungen, wie zum Beispiel Krankheit oder Konflikte in der Familie, in denen es bergab geht. Um diesen Weg zu beschreiten, schlägt Grün vor, sich nichts vorzumachen und sich damit auszusöhnen, dass wir jetzt ins Tal gehen. Das Tal kann auch ein Ort der Ruhe und des sich Wieder-Findens sein.
In der Bibel gibt es viele Texte, die uns helfen können, beide Wege zu gehen. Einer davon ist der Psalm 23: «Wandere ich auch im finstern Tal, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir». Das Verb sein, kann auf Hebräisch in die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft übersetzt werden. Also: Du warst bei mir, du bist bei mir und du wirst bei mir sein. Egal, ob wir einen Berg besteigen oder Richtung Tal wandern, sind wir auf unserem Weg in Gottes Wegen aufgehoben. Wie ein altes Kirchenlied sagt: «Befiehl du deine Wege und was dein Herz kränkt / der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. / Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn / der wird auch Wege finden, da dein Fuss gehen kann.»
Letzte Woche durfte ich in Zürich die Ausstellung «Vida Frida Kahlo» besuchen. Diese Ausstellung ist eine Weltpremiere, in der Bilder von Frida Kahlo illuminiert, animiert, vertont und im Raum projiziert werden.
Als ich in den Saal der Ausstellung kam, suchte ich mir einen Platz im Raum und liess die Bilder und Erzählungen auf mich wirken.
Als Allererstes beeindruckte mich sehr, was für einen Kontrast zum grauen Wetter draussen die Bilder von Frida zeigten. Viele bunte, stechende Farben, Blumen, Tiere, Menschen, Kleider, Städte. Die Stimme von Frida nahm mich mit in ihr Leben: in ihre Kinderkrankheit, in das Spielen mit ihren Schwestern, in ihren Bus-Umfall, ihr erstes Verliebtsein, das Kennenlernen ihres Mannes, ihre Fehlgeburten, ihre körperlichen und seelischen Schmerzen, aber auch ihre grosse Freude am Malen.
Das Bild «Die zwei Fridas» hat mich beeindruckt. Sie hat sich zweimal nebeneinander selbst porträtiert. In beiden bekleideten Fridas ist das Herz zu sehen. In einer der beiden tropft Blut auf ihr weisses Kleid. Das Blut aber verändert sich und wird zu Blumen. Ich finde es faszinierend, wie sie sich leidend darstellt. Denn wenn wir Schmerzen spüren, versuchen wir in der Regel, diese zu verleugnen oder zu verdrängen. Deswegen finde ich das «Ja» zum Leben von Frida ermutigend. Ihre Bilder sind eine Einladung, den Schmerz anzuschauen und zuzulassen. Passend dazu lese ich gerade ein Buch einer buddhistischen Nonne, Pemä Chrödron. Das Buch heisst: Wenn alles zusammenbricht. Hier spricht sie darüber, wie wichtig solche Erfahrungen sind, die uns mit ihrer Energie bis ins Herz durchbohren, und wie wichtig es ist, diese zuzulassen. Denn sie weichen das Herz auf und öffnen uns. Sie lädt dazu ein, nicht gegen diese Energie anzukämpfen, sondern ihnen Platz zu geben und sie zu umarmen. Besonders «dem Nicht-Wissen» Raum zu geben. Es geht darum, in den Brennpunkten unseres Lebens ausruhen zu können, und hier uns selbst mit einem freundlichen liebevollen Blick zu betrachten. Denn dort geschieht Heilung, wenn wir mit unseren Erwartungen und Befürchtungen Freundschaft schliessen. Im Christentum beginnt schon Heilung, wenn wir uns mitten im Sturm liebevoll von Gott gehalten wissen und erfahren. Darüber erzählt der Psalm 126. Hier erinnert sich der Autor an Zeiten der Freude, wo Gott Grosses im Leben des Volkes getan hat, und bittet ihn um Hilfe in der Not. Am Ende schreibt er: «Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten. Sie gehen hin unter Tränen und tragen den Samen zur Aussaat. Sie kommen wieder mit Jubel und bringen ihre Garbe ein.»
So mögen wir in diesem neuen Jahr Farbe und Mut mitten in unserem Leben immer wieder von Neuem erfahren.
In einer Woche endet das Kirchenjahr mit dem Ewigkeitssonntag. Menschen versammeln sich, um Gottesdienst zu feiern. Dabei werden die Namen ihrer Verstorbenen, die dieses Jahr gegangen sind, vorgelesen, und es wird eine Kerze für sie angezündet. Viele bleiben anschliessend zum Gespräch beim Kirchenkaffee oder Apéro.
Ich durfte als Pfarrerin diese Feier jahrelang gestalten. Es ist eine dankbare Angelegenheit, die viel Sorgfalt und Feingefühl braucht. Solche Rituale, unserer Toten zu gedenken, sind wichtig. Denn sie unterstützen uns auf dem Weg des Loslassens.
«Noch bist du da», schrieb Rose Ausländer in einem Gedicht, als sie im Altersheim lebte und ihr Tod näher rückte. «Noch bist du da» kann in Hinblick auf den Totensonntag zweideutig verstanden werden: Der oder die Verstorbene ist noch in unseren Gedanken und Erinnerungen da. Gleichzeitig sind wir diejenigen, die hier noch da sind. Mit dem Tod von einem geliebten Menschen beginnt der Trauerprozess, in dem es um Loslassen geht. Dies fällt uns manchmal schwer. Nicht nur, wenn jemand gestorben ist, sondern auch, wenn eine Beziehung in die Brüche gegangen ist.
Als Pfarrerin, aber auch privat setze ich mich immer wieder mit dem «Loslassen» auseinander und suche Antworten, die mir helfen, weiter zu kommen. Nach langem Suchen habe ich Trost in den Gedanken von Anselm Grün gefunden. Für ihn wird das Loslassen oft missverstanden. Es geht nicht um eine zweite und endgültige Trennung vom Verstorbenen. Es geht darum, zu erkennen, dass die Beziehung zum Verstorbenen anders als früher ist. Es gibt zwar kein Umarmen, kein Fühlen der Haut oder Betrachten des Gesichts mehr, aber es bleibt eine enge Beziehung. Der andere geht mit mir und schützt mich. Mit Loslassen ist somit gemeint, sich in andere, neue Bindungen zu geben. Konkret heisst das: unsere Verstorbenen Gott anzuvertrauen und mich gleichzeitig für die Lebensmöglichkeiten, die Gott für mich vorgesehen hat, zu öffnen.
Dies ist ein Prozess, deshalb wird oft von Trauerarbeit gesprochen, wo es um das Verarbeiten geht. Trauer braucht Zeit. Trauer braucht Rituale. Dabei darf man sich keinen Druck machen mit dem Gedanken, wie die Trauer genau auszusehen hat.
«Noch / duftet die Nelke / singt die Drossel / noch darfst du lieben / Worte verschenken / noch bist du da / Sei was du bist / Gib was du hast».
Seit einigen Wochen spüren wir den Herbst. Die Tage werden kürzer und der Nebel breitet seinen Mantel aus. Mir kommt immer wieder der folgende Satz von Rainer Maria Rilke in den Sinn: „Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten…“
Wir wandeln, wie die Natur, von einer zu der anderen Zeit. Wir erleben auch in unserem Leben Zyklen, Etappen, wo loslassen und neu beginnen, angesagt sind. Aber selten wird über die Zeit dazwischen, zwischen Altem und Neuem, gesprochen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass diese Zeit zwischen dem, was ist, und dem, sein sollte, oft nebelig ist. Mir fällt das Bild der Israeliten in der Wüste ein. Oft waren sie nah am Abgrund und der Verzweiflung. Hinter sich liessen sie ein Zuhause und Essen und vor ihnen hatten sie das gelobte Land. Dazwischen aber lag ein langer Weg durch die Wüste, ohne ein festes Zuhause und wenig Essen. Dieser Weg durch die Wüste muss nicht unbedingt nur negativ sein.
Meister Eckhart, ein Mystiker des Mittelalters, sagte: „Je mehr du in dir selbst in einer Wüste stehst und unwissend aller Dinge, umso näher kommst du dem, der da alle Dinge ist.“ - Zwischenzeiten, Übergänge und Durchgänge im Leben können eine Chance sein, sich selber und unserer Kraftquelle näher zu kommen. Auch wenn nicht alle Übergänge für uns selbst und andere einfach sind. Jeder Abschluss ist auch ein Neuanfang. Nach jeder Nacht kommt wieder ein Tag.
Oft geht es darum, diese Zeiten wahrzunehmen und sie auszuhalten. So können auch innerliche Prozesse in Gang gesetzt werden. Denn ähnlich wie in der Natur geschieht Wandlung allmählich. Ich finde wichtig, auch in den Zwischenzeiten zu leben und sich Zeit zu lassen. Es müssen nicht unbedingt Zeiten sein, die man totschlagen muss.
Die Theologin Ina Praetorius schrieb ein Buch mit dem Titel: "Gott dazwischen, eine unfertige Theologie." Die Idee gefällt mir. Gott zwischen zwei Zügen. Gott zwischen oben und unten. Gott zwischen Mann und Frau. Gott zwischen geboren werden und sterben. Gott zwischen Arm und Reich. Wenn Gott dazwischen ist, dann ist Gott unterwegs, überall. Dann dürfen wir uns neu öffnen, auf Zwischenräume und Zwischenzeiten hin, denn Gott geht auch mit. Prätorius wählt als Untertitel «eine unfertige Theologie». Das macht Mut, das zeigt, dass mit dem letzten Buchstaben der Bibel nichts aufhört, sondern alles erst beginnt. Wir können die Zwischenzeiten in unserem Leben auch als unfertig betrachten. Unfertig wird oft als mangelhaft empfunden, dies muss nicht immer zwingend so sein, denn der Begriff beinhaltet für mich auch Zuversicht: Es ist nicht alles fertig, es geht weiter!
In diesen Tagen steht mir wieder das Buch des afghanischen Schriftstellers, Khaled Hosseini, „Tausend strahlende Sonnen“ vor Augen. Es schildert das Leben zweier Frauen in Afghanistan vor, während und nach der Zeit der Taliban. Mariam und Laila sind die Frauen eines Mannes, der gewalttätig ist. Oft ist das Leben der beiden in Gefahr. Mariam wird verhaftet, weil sie ihrem Mann nicht gehorsam war und Laila beschützte. Dafür wird sie zum Tod verurteilt. Was mich so beeindruckt hat, ist, wie Mariam vor ihrem Tod ihr Selbstbild ändert. Bevor sie stirbt, fühlt sie einen grossen Frieden. Sie kam als ungewolltes Kind zur Welt, hatte selbst keine Kinder und geht jetzt als ein Mensch, der geliebt wurde und geliebt hat. Sie geht am Ende als eine Freundin, Begleiterin und Beschützerin, als eine Mutter.
Als Mariam stirbt wird es dunkel, bis ein Satz aus einem Gedicht neue Hoffnung gibt:
"Nicht zu zählen sind die Monde, die auf ihren Dächern schimmern / noch die tausend strahlenden Sonnen, die verborgen hinter Mauern stecken."
Diese Geschichte ist ein leidenschaftlicher Appell an die Ohnmacht: Hoffet! Dies ist nicht immer einfach, wenn uns die Hände gebunden sind, gerade dort, wo wir lieben. Scheinbar machtlos stehen wir vor dem Leiden des anderen, vor seiner Ungewissheit, seiner Angst, teilen sie und empfinden sie selber.
„Manchmal bin ich wütend auf den lieben Gott“, sagte mir jemand vor kurzem. Ich kann diesen Menschen gut nachvollziehen, denn manchmal stehe ich auch macht- und sprachlos da. Auch meine Geduld kommt an ihre Grenze, wenn Gottes Wirken auf sich warten lässt. Denn wenn ich selber machtlos bin, bleibt mir nur der Glaube, dass er etwas bewirken kann. Doch das Wirken Gottes zeigt sich nicht immer, wie ich es mir vorstelle. Die Kreuzigung Jesu ist das grösste Zeichen der Ohnmacht und Verlassenheit. Und trotzdem wurde lang in der Kirche über Gott, den Allmächtigen gesprochen. Ermes Ronchi, italienischer Theologe, sagt: „Gott ist Liebe, er kann nicht alles, er kann nur, was die Liebe kann. Gottes Macht ist die eines kleinen Samenkorns, die einer Mutter an der Seite ihres kranken Kindes, einer Mutter, die das Kind nicht heilen kann, aber da ist, nicht von seiner Seite weicht, deren Herz mit dem seinen schlägt, die ihm Kraft und Halt gibt.“
So ist es auch in der Geschichte von Mariam und Laila, die Liebe verwandelt beide Frauen und wird ihnen zur Rettung in der Situation, die sie nicht verändern können. Sie bekommen dadurch Kraft. Das Bild der tausend verborgenen strahlenden Sonnen ist ein Bild, welches mich hoffen lässt, dass ich Kraft in der Ohnmacht finden werde.
Morgen wird die erste Konfirmation des Jahres in der Stadtkirche gefeiert. Mit der Konfirmation feiern Jugendliche den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt. Damit ist die kirchliche Unterweisung beendet und sie können nun Götti oder Gotte werden. Früher galten viele nach dem Fest als Erwachsene. Warum sind Übergangsrituale wie die Konfirmation immer noch wichtig?
„Es Tor geit uuf unes angers geit zue“, singt Büne Huber in seinem Lied „Für immer uf di“, das die Konfirmanden/innen morgen singen werden. So ist es auch bei der Konfirmation, eine Etappe des Lebens geht zu Ende und eine neue beginnt. Die Konfirmation zählt zusammen mit der Taufe, der Trauung und der Beerdigung zu den Kasualien. Kasualien sind kirchliche Handlungen zu einem besonderen Ereignis im Leben eines Menschen. Die Kasualien befinden sich zurzeit im Wandel.
Ich finde die Konfirmation sehr wichtig, denn es gibt kein anderes Ritual, bei dem Jugendliche im Zentrum stehen, ausser bei ihrem Geburtstag. Jugendliche leben in einer anderen Welt als die Konfirmanden/innen von damals. Früher waren Erwartungen und Rollen viel klarer. Heute steht die Individualisierung im Zentrum. Dazu kommt die Selbstoptimierung des Einzelnen statt der Mitwirkung mit anderen in einer Gemeinschaft.
Was ich an die Konfirmation besonders schätze, sind zwei Aspekte. Der erste ist, dass die Vorhaben der Jugendlichen unter Gottes Schutz stehen. In unserer heutigen Welt gibt es vermehrt Ritualbegleiter, die auch Übergänge gestalten. Sie betonen aber vor allem die eigenen Kräfte, die in einem selber sind, um alle Widrigkeiten des Lebens zu überwinden. Mir scheint es wichtig, sich einer grossen Realität zu öffnen. Dies stärkt das Bewusstsein, dass nicht alles in meinen Händen ist und durch meine Leistung erreicht werden kann. Der zweite Aspekt, den ich an die Konfirmation besonders finde, ist das Feiern. Wie Huber singt: „Es Glas uf d'Liebi und eis uf z'voue Läbe“. Ja, anstossen auf das, was wir als selbstverständlich erachten, aber eigentlich ist es dies nicht. Anstossen auf den Lebensweg dieser jungen Menschen. Sie würdigen, ihnen zuhören und Raum geben. Nicht nur an einem Fest, sondern auch in der Kirche und in der Gesellschaft.
„Uf die grüene Triebe, uf die süesse Frücht ide Böhm, uf aui grosse Pläne u uf aui grosse Tröim“, singt Huber weiter. Diese Worte geben mir Hoffnung, sowie das Handeln vieler Kirchgemeinden in der Schweiz, die Jugendliche in den Kirchengemeinderat wählen. Vielleicht kann die Konfirmation eine neue Bedeutung gewinnen. Nicht nur, dass die Konfirmanden/innen ihren Glauben an Gott bekräftigen, sondern dass wir als Gemeinde Ja zu ihnen sagen und auf sie setzen.
Der April macht, was er will! Diesen Satz las ich vor kurzem in den Bus-Nachrichten. Er stimmte mich nachdenklich. Ich fragte mich: Mache ich auch, was ich will - wie der April?
Als ich zu Hause kam, nahm ich ein Buch, das ich empfohlen bekommen habe: „Machen Sie doch, was Sie wollen!“ von Maja Storch. Sie ist eine deutsche Psychologin, die an der Universität Zürich arbeitet. In diesem Buch erzählt sie von einer interessanten Theorie. Sie geht davon aus, dass viele Menschen nicht wissen, was sie wollen, und sie fragt sich, wie wir dem, was wir wollen, auf die Spur kommen können?
Sie sagt, dass wir Menschen zwei Bewertungssysteme haben. Auf der einen Seite haben wir unseren Verstand, der logische Argumente liefert. Der Verstand arbeitet langsam und bewertet alles in den Kategorien richtig/falsch. Auf der anderen Seite ist das Unbewusste, das „Würmli“ nennt es Storch. Dieses meldet sich sofort, innerhalb von 200 Millisekunden. Das Unbewusste meldet sich nicht in Form von Argumenten, sondern es äussert sich in diffusen Gefühlen und im Körper. Wir Menschen haben leider verlernt, diese Signale zu interpretieren. Das Würmli erinnert uns daran, was uns guttut. Denn es will nur Angenehmes erleben.
Es gibt zwei Formen, mit unserem „Würmli“ umzugehen: Die Selbstregulation und die Selbstkontrolle. In der Selbstregulation gebe ich dem „Würmli“ Raum, z.B. wenn ich am Abend noch arbeiten muss, aber das „Würmli“ von einem warmen Bett träumt. „Nichts wie hin“, sagt der Wurm und schlüpft ins warme Bett und verschiebt die Arbeit auf den nächsten Morgen. Der andere Weg ist die Selbstkontrolle. Wenn ich den Wurm an die Leine nehme und mich zwinge etwas zu tun, auch wenn ich es gerade nicht will. „Ich kann doch nicht die Arbeit auf morgen verschieben.“ Die Faustregel für die Zufriedenheit lautet nach Maja Storch: 2/3 freier Wurm und 1/3 gewürgter Wurm.
Für mich ist diese Theorie ein weiteres Werkzeug der Selbsterkenntnis. Es geht nicht darum, egoistischer und unüberlegt zu handeln, sondern darum, nicht immer kontrolliert zu reagieren. Denn dies führt zu Überkontrolle, was auf die Dauer krank macht.
Für die nächste Zeit nehme ich mit, diese diffusen Gefühle, die sich in mir melden, wahrzunehmen und ihnen Raum zu geben. Forschen, was mir das „Würmli“ sagen will.
Ich finde vor allem wichtig, nicht nur immer auf unseren Verstand zu hören, sondern auch auf unser Herz und unseren Bauch. So können wir Entscheidungen treffen, die aus unserem Inneren entstehen und uns zur Zufriedenheit führen. Dies wirkt sich bestimmt auf unsere Mitmenschen aus und trägt zu einem friedlichen Miteinander bei. Der April mag tun, was er will - ich kann davon etwas lernen.
Vor kurzem tauschte ich mich mit einer Freundin darüber aus, wie gereizt und genervt viele Menschen zurzeit sind. Das ist zum Teil nachvollziehbar, denn wir leben nun bereits ein Jahr im Ausnahmezustand. Manchmal geht die Geduld zu Ende und die Luft ist fast raus. Sie erwähnte im Gespräch das Gedicht „Bitte“ von Hilde Domin. Der Anfang ist dramatisch: „Wir werden eingetaucht und mit den Wassern der Sintflut gewaschen. Wir werden durchnässt bis auf die Herzhaut.“
Sofort denke ich an die biblische Geschichte von Noah. Eine Geschichte, die unter anderem davon erzählt unterzugehen, alles zu verlieren bis auf die Angst, um das eigene Leben. Nachdem Noah mit seiner Familie Schutz gefunden hat, folgen 40 Tage und Nächte, in denen er und seine Familie ausharren müssen. Die Nummer 40 bedeutet in der Bibel eine Zeit der Prüfung und der Reife. Es wäre schön, wenn wir von Krisen verschont bleiben würden, wenn immer Frühling wäre und wir keine Schmerzen und kein Leid erfahren würden. Aber dieser Wunsch hilft uns nicht, das Leben zu bewältigen, sagt Domin in ihrem Gedicht. Wir können Gefahren und Erschütterungen grundsätzlich nicht ausweichen. Der erste Schritt, um einen Weg daraus zu finden, ist zu erkennen und akzeptieren, dass wir verletzlich sind. Was taugt denn, fragt sich Domin?
„Es taugt die Bitte, dass beim Sonnenaufgang die Taube den Zweig vom Ölbaum bringe“ - Die Bitte um einen Hoffnungsschimmer am Horizont, dort wo alles abgestorben scheint. Es taugt die Bitte, „dass wir auf der Flut immer versehrter und immer heiliger stets von neuem zu uns selbst entlassen werden“. Es ist eine unübliche Bitte, denn wer will versehrter werden? Ich verstehe es so, dass unsere Verletzlichkeit der Schlüssel zu unserem wahren Selbst ist.
Brené Brown, eine amerikanische Autorin, forschte jahrelang über Verletzlichkeit und wie sie uns stark macht. Sie spricht in dieser Zeit der Pandemie darüber, wie wichtig es ist, die Chance wahrzunehmen, in unserem Leben das zu ändern, was uns einsperrt und weit weg von uns selbst führt. Konkret findet sie wichtig, Dankbarkeit zu üben, Grenzen zu setzen, Spiritualität zu kultivieren, um Unterstützung zu bitten, präsent und aufmerksam zu sein.
Zum Schluss möchte ich etwas über Hilde Domin erzählen, die mich beeindruckte. Sie zeigte ihre Verletzlichkeit nicht nur in ihren Gedichten, sondern auch durch ihre Namensänderung. Denn Domin hiess sie weder ledig noch verheiratet. Domin steht für die Dominikanische Republik, wo sie lang lebte und prägende Erfahrungen machte, die ihr Leben veränderten. Ja, gewisse Erfahrungen können bis auf die Haut gehen und uns mehr zu uns selbst führen.
In den letzten Wochen erlebe ich in mir selber und meiner Umgebung eine gewisse Corona-Müdigkeit. Es ist immer wieder anstrengend sich zu überlegen, was die neuen Massnahmen für einen beuteten. Dazu verbringe ich nochmals viel mehr Zeit Online.
Diese Krise stellt uns immer wieder vor neuen Fragen: Wo stosse ich an meine Grenzen? Was nährt mich? Was ist mir eine Stütze?
Seit Sommer gibt es ein Wort, das mich nicht loslässt: Resonanz. Resonanz bedeutet ursprünglich in der Physik „widerhallen“. Resonanz gibt es auch in der Musik, wenn Schwingungen auf anderen Körper übertragen werden. Resonanz heisst in der Psychologie, wenn zwei Menschen einander mit Empathie begegnen.
Hartmut Rosa, deutscher Soziologe, schrieb ein Buch über Resonanz: eine Soziologie der Weltbeziehung. Seine These ist, dass wir in einer Welt leben, die fokussiert auf Beschleunigung und Optimierung der Ressourcen ist. Dazu ein Beispiel: Es gibt zwei Künstler, die an einem Wettbewerb teilnehmen. Der erste überlegt sich lang, welche Themen würden beim Publikum gut ankommen, welche Techniken werden oft bewundert, welche Pinsel helfen ihm am besten dabei. So verbringt er den ersten Tag. Erst am Abend schafft er etwas zu skizzieren, aber er ist gar nicht damit zufrieden und wirft es weg. Der andere Künstler geht einen anderen Weg: er beginnt einfach zu malen mit dem, was er hat. Die Fixierung auf die Ressourcen verhindert, dass der erste Künstler mit seinem Werk beginnen kann. Rosa fragt sich dabei: Wann beginnen wir zum leben?
Seine Antwort auf die endlose Optimierung ist nicht Entschleunigung, sondern Resonanz. Rosa ist der Meinung, wenn wir das Leben und was wir tun lieben, entsteht einen vibrierenden Draht zur Welt. Dieser Draht bewegt sich in uns, wenn wir uns von anderen Menschen, von Pflanzen und Bergen, von Musik und Geschichten, von Herausforderungen und von Gott erreichen, bewegen und ergreifen lassen. Ohne Liebe, Achtung und Anerkennung bleibt der Draht zur Welt starr und stumm.
In den letzten Tagen habe ich mich auf die Suche von Resonanzoasen gemacht. Was klingt in mir nach? Welche Beziehungen bringen mir zum Schwingen? Dabei habe ich gemerkt, dass es vieles gibt, was mich aus der Corona-Müdigkeit weckt. Die zahlreichen zwitschernde Vögel im Wald. Das Keimen der Samen unter dem Schnee. Das kurze Gespräch mit der Kassieren beim Einkaufen. Die frische Luft beim Spazieren. Der Sonnenuntergang nach mehreren grauen Tagen. Der Telefonanruf mit meiner Mutter in Argentinien. Ich merke dabei, ich bin dieser Krise nicht ausgeliefert. Ich bin ständig in Beziehung und aus diesen Beziehungen kann ich Kraft schöpfen..
Von 1. September bis 4. Oktober wird in den Kirchen der Schweiz die Schöpfungszeit gefeiert. Obwohl diese Zeit vielen unbekannt ist, ist das Thema aktueller denn je. Denn im Spätherbst wird über die Konzertverantwortungsinitiative in der Schweiz abgestimmt. Die Initiative fordert, dass grosse Konzerne mit Sitz in der Schweiz die Menschenrechte und die internationalen Umweltstandards auch ausserhalb der Schweiz respektieren. Sie sollen überall, wo sie aktiv sind, verantwortungsvoll handeln.
Diese SchöpfungsZeit hat eine lange Tradition in verschiedenen Kirchen. Der 1. September gilt bei den Orthodoxen Kirchen und der Röm.-kath. Kirche als der Tag der Schöpfung. Der 4. Oktober ist der Gedenktag des Franz von Assisi. In dieser Zeit geht es darum, über unseren Umgang mit der Schöpfung zu reflektieren. Gleichzeitig ist es eine Zeit zum Danken. In den reformierten Kirchen wird in diesem Zeitraum deswegen oft der Erntedank gefeiert.
Schöpfung ist ein altes Wort, das kaum gebraucht wird, ausser im kirchlichen Kontext. Nichtsdestotrotz scheint es mir wichtig, dass dieses Wort nicht verloren geht. Die Schöpfung ist viel mehr als die Natur, die uns umgibt. Schöpfung ist vor allem und zuerst ein Geschenk. Wir Menschen können die Samen streuen, aber was daraus wird, liegt nicht in unseren Händen. Sich dies immer bewusst zu machen, finde ich sehr wichtig. Denn wir leben im Verhältnis mit der Natur eine Beziehung des Gebens und Nehmens. Im Kreis des Lebens, die Früchte der Erde nehmen, aber auch etwas zurückgeben, damit dieser Kreislauf weitergeht. Ohne etwas zurückzugeben, kann der Kreislauf nicht genährt werden.
Wir Menschen brauchen nicht nur die Schöpfung, sondern auch Schöpfungsgeschichten. Die biblische Geschichte ist eine besondere Geschichte. Denn sie handelt von einer Erzählung vom guten Anfang. Es ist keine Machtgeschichte von einem Gott, der fern bleibt, sondern eine Geschichte der Liebe. Gott schuf die Welt und sah, dass alles gut war. Hier geht es nicht darum, ob die biblische Geschichte so passiert ist, wie sie geschrieben steht. Es geht darum zu verstehen, warum Menschen eine solche biblische Geschichte geschrieben haben. Was wollten sie ihren Nachfahren weitergeben? Die Schöpfungsgeschichte der Bibel ist ein Plädoyer für ein enges Verhältnis mit der Natur, aber auch für ein verantwortungsvolles Handeln im Umgang mit ihr.
Mir kommt das Bild des Behütens in den Sinn. Wir stehen auf der Erde auf dem gemeinsamen Boden, auf der einen Welt. Wir sind aber auch unter dem gleichen Hut, dem einen Himmel. Es ist an uns Menschen, behutsam umzugehen mit dem, was uns geschenkt ist. Die Schöpfung ist einmalig.
In der Ferienzeit sind viele von einer Sehnsucht nach Abwechslung getragen. Wir möchten Distanz von unserer Routine nehmen, das Gleichgewicht wiederfinden. Wir verreisen gerne in die Ferne. Nun sind viele Ferienpläne durch Corona durchkreuzt worden und Ferien Zuhause sind angesagt.
„Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah“ – diese Worte sind an Verse von Goethe angelehnt, der das Glück im Alltag sucht. Ich versuche mich auf die Worte von Goethe einzulassen. Ich spüre bereits in meiner Routine eine Ferienstimmung: Ich geniesse das Reisen in weniger gefüllten Verkehrsmittel, die entspannte Atmosphäre am See, das Grillieren am Abend mit der Familie, die duftende Blüte, die wunderbare Aussicht auf die Bergen.
Der Schweizer Schriftsteller Robert Walser widmete einmal ein Gedicht an die «Daheimgebliebene»: Es ist so süss zu bleiben. Geht denn die Natur etwa ins Ausland? Wandern Bäume, um sich anderswo Grössere Blätter anzuschaffen? Natur braucht sich nicht anzustrengen, bedeutend zu sein - sie ist es.
Einfach sein – Frei sein von Druck, Verpflichtungen, Hetzen, das ist ein tiefes Bedürfnis. Wenn ich bin, wenn ich mich nicht anstrenge, wenn ich den Leistungsmodus abschalte, komme ich zur Ruhe.
In der Bibel wird nicht über Ferien gesprochen, aber Jesus sagt: «Komm zu mir all ihr Geplagten und Beladenen, ich will euch erquicken». Erquicken ist ein Wort, das wir sonst im Alltag nicht gebrauchen. Im ursprünglichen biblischen Text hat dieses Wort eine besondere Bedeutung. Es bedeutet Pause. «Komm zu mir, ich will dir eine Pause geben» sagt Jesus. Seine Worte regen mich an nachzudenken: Wo brauche ich im Moment eine Pause in meinem Leben? Wie kann ich mich diese Atempause verschaffen? Wer kann mich dabei unterstützen? Was würde mir gut tun?
Ferien zu Hause bedeuten auf keinen Fall Langeweile. Sie sind eine Chance, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das Glück in unserer Nähe neu zu entdecken. Die Welt mit neuen Augen zu sehen.
Ich brauche dafür keine Reise in die Ferne. Auch in meiner Nähe kann ich Ruhe und Erholung finden. Für den einen ist es der Anblick von beeindruckender oder unberührter Natur, für die andere der stille Raum in der Kapelle am Weg, vielleicht das Zusammensein mit bestimmten Menschen oder halt einfach an der Sonne sitzen und die Wärme und das Summen der Bienen geniessen.
Ich wünsche allen Daheimgebliebene viele Momente der Achtsamkeit, der inneren Ruhe und Freude.
Sieh, das Gute liegt so nah!
Seit fast zwei Wochen erreichen uns Nachrichten aus den USA zu Protesten gegen Rassismus. Die Mobilisation der Bevölkerung nimmt stetig zu. Tausende Menschen gehen auf die Strasse und demonstrieren gegen exzessive und rassistische Polizeigewalt. In der Schweiz sind uns diese Exzesse eher fremd, aber rassistische Diskriminierung findet auch in der Schweiz statt.
Vor einigen Jahren las ich einen Bericht über ein Buchprojekt mit dem Titel «Die Geschichte Schwarzer Frauen in Biel». Eine Geschichte beeindruckte mir sehr: Juliet Bucher kam 1996 aus Ghana in die Schweiz. Sie erzählt, wie sie einmal Schuhe kaufen ging. Sie bat um den zweiten Schuh. Die Verkäuferin reagierte: «Haben Sie den Preis gesehen?» - «Ja, habe ich. Steht doch überall dran!», antwortete Juliet.
Im Bericht «Rassistische Diskriminierung in der Schweiz – 2018» wird geschildert, dass zwischen 2016 und 2018 die Anzahl Fälle gelebter Diskriminierung von 28% auf 38% gestiegen ist. Jüngere Menschen zwischen 15 und 24 Jahren erfahren häufig Diskriminierung, besonders bei der Stellensuche und in der Arbeitswelt. «Network-Racism» ergänzt die häufigen Fälle, die sie in ihrer Beratungsstelle behandeln: Rassismus gegen Schwarze, Ausländerfeindlichkeit und Muslimfeindlichkeit. Dies nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch in der Öffentlichkeit.
Die aktuellen Nachrichten, die uns aus den USA erreichen, sind eine Gelegenheit für uns, über das Thema zu reflektieren und uns über unser eigenes Menschenbild Gedanken zu machen.
Die Befreiungstheologie, die in den 70er Jahren in Lateinamerika entstanden ist, bietet einen interessanten Einblick. Sie kann mit drei Worten beschrieben werden: Sehen, Urteilen und Handeln. Sehen heisst hinschauen, wahrnehmen, was ist. Es geht vor allem darum, differenziert wahrzunehmen, was nicht ausser Acht gelassen werden kann. Urteilen heisst, sich eine Meinung bilden, bewerten und damit ein- oder ausschliessen. Handeln bedeutet konkrete Veränderungen zu initiieren.
Vielleicht ist jetzt wieder Zeit, die Rede von Martin Luther King «Ich habe einen Traum» neu zu lesen. Er träumt von einer anderen Gesellschaft, in der es keine Diskriminierung gibt. So tun es auch in diesen Tagen tausende von Menschen, die auf den Strassen in New York, Miami, Berlin, Zürich und Bern demonstrieren gehen. Diese Post-Corona-Zeit, die wir momentan leben, ist eine gute Gelegenheit, um neue Visionen für das Zusammenleben zu entwickeln und es gibt keinen einfacheren Weg, als dort zu beginnen, wo wir sind und etwas verändern können.
Statt Händeschütteln ist aktuell Füsseschütteln angesagt. In den letzten Wochen haben sich in der Schweiz aufgrund des Coronavirus neue Grussformen etabliert. Trotzdem finden es viele schwierig, auf das Händeschütteln zu verzichten. Es ist wie bei vielem im Leben: Erst wenn es fehlt, merken wir, wie wichtig es uns ist. Unzählige Male haben wir in unserem Leben schon Hände geschüttelt. Ich habe mich aufgrund dieser besonderen Lage zum ersten Mal gefragt, warum uns dies so lieb ist.
Das Händeschütteln ist ein sehr altes Grussritual. Im Neuen Testament wird im Brief von Paulus an die Galater erwähnt, dass Paulus beim Abschied in Jerusalem die «rechte Hand der Freundschaft» gereicht wurde. Dieser Brief, ca. 50 n. Chr. verfasst, weist darauf hin, dass sich bereits die Griechen und die Römer die Hände schüttelten. Es wird vermutet, dass das Ritual des Händeschüttelns auf das Winken im Kampf zurückgeht, was damals bedeutete: «Seht her, ich habe keine Waffe in der Hand». Andere vermuten, dass das Ritual in seiner heutigen Form von den Quäkern, einer christlichen Gemeinschaft, erfunden worden ist. Diese reichten allen die Hand als Zeichen dafür, dass alle gleich sind und man sich vor niemandem verneigen oder verbeugen muss. Das Händeschütteln ist so wichtig, dass es sich sogar als Teil des reformierten Gottesdienstes und der Messe etabliert hat, nämlich im Friedensgruss. Dieser steht dafür, dass man sich versöhnt und sich gegenseitig Frieden wünscht.
Wichtig finde ich, dass das Händeschütteln in unserer Kultur ein Ritual ist, also eine Handlung mit symbolischer Bedeutung. Wenn man sich mit jemandem trifft, ist das Händeschütteln nicht nur ein Gruss, sondern auch eine Form der Wertschätzung und der Wahrnehmung des anderen.
Um die Verbreitung des Coronavirus zu vermeiden, muss nun auf das Händeschütteln verzichtet werden. Ich merke im Alltag immer wieder, wie schwierig das ist. Einerseits weil es eine Gewohnheit ist, und anderseits, weil die Verweigerung des Händeschüttelns mit Distanzierung oder Unhöflichkeit verbunden werden kann.
Ich sehe diese Massnahme als eine Chance, neue Formen zu entwickeln, um Nähe zu zeigen. Einige schlagen das Lächeln vor. Mir gefällt auch der Blickkontakt. Kinder gehen spielerisch damit um. Meine Nichte entwickelte einen Ellbogengruss. Trotzdem freue ich mich darauf, hoffentlich schon bald wieder Hände zu schütteln. Denn jetzt weiss ich: Das Händeschütteln hat nicht nur mit Höflichkeit zu tun, sondern vor allem mit Frieden, Freundschaft und Gleichberechtigung.
Erschienen im Bieler Tagblatt am 14.03.2020
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