Predigten

Für das Leben

Predigt zum Palmsonntag 2022

Unfertiges

Die heutige biblische Geschichte steht in einer Spannung zu der traditionellen Geschichte am Palmsonntag, wo Jesus in Jerusalem einzieht. Dort wird er empfangen und begrüsst. Anders ist es im Johannesevangelium, wo Jesus sich verabschiedet von seinen Jüngern und Jüngerinnen. Abschiednehmen gehört zum Leben und ist trotzdem immer wieder eine Herausforderung. Wir verabschieden uns nicht nur von einem Menschen, einem Tier oder einem Ort, sondern auch von einem Teil von uns selbst, der mit denen verbunden war, von einem Stück Geschichte. Ich merke, dass Abschiednehmen uns besonders dann schwerfällt, wenn wir mit jemandem tief verbunden waren oder das Gefühl haben, dass wir mit etwas oder jemandem nicht ganz fertig werden. Manchmal müssen wir mit einem Gefühl des Ungelösten im Herzen in manchen Beziehungen und deren Geschichte leben.

Diese Unfertigkeit spüre ich in den Jüngern und Jüngerinnen, die Jesus nachfolgen und auf seine Abschiedsworte hören, ohne sie ganz zu begreifen. Sie haben ein schweres Herz, weil Jesus sie allzu früh verlässt.

Jesus tröstet sie. Er merkt, dass sie Angst haben, und verspricht ihnen durch den Heiligen Geist, bei ihnen weiterhin gegenwärtig zu sein.

Für sie beginnt ein Weg, von dem sie im Moment nicht viel erahnen können. Ein Weg, auf dem sie Fragen mit sich selbst tragen werden, sowie Unsicherheiten und Ängste.

Ein Weg, den sie nicht ganz durchschauen und überblicken können. Ein Weg, auf dem sie immer noch ringen zwischen Angst und Vertrauen, fliehen und dabeibleiben.

Die Unfertigkeit in Jesus

Gleichzeitig merke ich, dass es für Jesus sehr schwer gewesen sein muss, Abschied zu nehmen und die Seinen zurückzulassen. So nehme ich es wahr, als er den Blick zum Himmel richtet. Dies tut er nach einer langen Rede. Als ob er keine Kraft mehr hätte und fast am Ende wäre. Er richtet den Blick zum Himmel und spricht Gott an. Diese Worte von einem Sohn zu seinem Vater sind zärtlich und ganz intim. Jesus wendet sich mit zwei Bitten an Gott: auf der einen Seite bittet er um Verherrlichung und auf der anderen Seite, Gott solle die Jünger und Jüngerinnen bewahren.

Verherrlichung ist ein Wort, das uns sehr fremd ist. Ich versuche, Jesus’ Worte zu verstehen und frage mich, ob die Jünger damals verstanden haben, was Jesus meinte. Ich merke, dass ich nicht ganz begreifen kann, was Jesus damit meint. Ich könnte es theologisch erklären und mehr Worte daraus machen, aber es würde nicht zur Klarheit beitragen und ich spüre, dass es beim Abschied nehmen nicht gerade um Theorien und theologische Konzepte geht.

Ich merke aber, in meinem nicht verstehen, kann ich dennoch fühlen. Denn was Jesus da betet, das sind keine Verstehens-Worte. Da sind Worte des Fühlens. Als wenn ein Kind zur Mutter sagt: Ich hab dich lieb. Oder als ob ein Freund mir sagt: Ich will immer mit dir verbunden bleiben.

Das kann ich auch nicht erklären wie eine Matheformel. Aber ich merke: Das ist wahr.

Genauso geht es mir beim Gebet von Jesus. Ich weiss nichts. Und fühle alles.

Ich fühle die Angst und Unsicherheit Jesu und wie er sich an Gott lehnt. Er sagt «Vater, in meinen schwersten Stunden bleibe ich in dir und du bleibst in mir». Jesus und Gott: Untrennbar verwoben. Und er merkt, wie sehr wir zusammengehören: Jesus und wir, auch untrennbar, egal durch welche schweren Stunden wir gehen und was für Unfertiges und Ungelöstes wir in unserem Herzen tragen.

Paulus wird später in diesem Sinne sagen:

Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Gott begegnet uns in dem Unfertigen

Jesus bahnt sich einen Weg durch die Unfertigkeit in der Beziehung zu seinen Freunden und Freundinnen, in dem er eine Fürbitte für sie ausspricht: ich bitte für sie, für die, die du mir gegeben hast, denn sie sind dein.

Eine Bitte an Gott aussprechen für das, was wir selbst nicht lösen, begreifen und verstehen können. Eine Bitte mit meinen eigenen Worten, mit meinen Gefühlen.

Eine Bitte, die imperfekt sein darf, die vielleicht laut beginnt und leiser wird.

Eine Bitte in meiner Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit.

Eine Bitte mit dem Blick zum Himmel, verbunden mit dem, was in meiner Welt und rund um mich passiert.

Eine Bitte, um den Weg zu mir wieder zu finden und zu Gott.

Gerade hier finde ich den Zuspruch für das Unfertige in meinem Leben: Gott begegnet mich auch hier. So wie er Jesus in seiner schwersten Stunde begegnet. Ich merke, bei allem, was in meinem Leben unfertig geblieben ist: Es muss nicht Sinn machen, ich muss es nicht verstehen und hundert Prozent begreifen. Es gibt vielleicht keinen Sinn, den ich erkennen kann, aber ich darf vertrauen, dass Gott mir auch dort begegnet, in meiner Unsicherheit, in meinem nicht verstehen und meinem Schmerz. Ich darf vertrauen, dass er sich einen Weg zu mir bahnt und an meine Tür klopft. Wie Andreas Knapp in seinem Gedicht schreibt:

Klopfzeichen

in der Traurigkeit

für die du keinen Namen findest

in der Unruhe

die dich ziellos umher treibt

in den Träumen

die dir schlaflose Nächte bereiten

im dem Heimweh

das dich zuhause befällt

in der Sehnsucht

die ausufert nach immer mehr

in all deinem Nichtfinden

da sucht er dich.

Amen.

Predigt am 16. Januar 2022 in Dotzigen

Wenn Wunder ausbleiben

Wann war das letzte Mal, das Sie auf ein Wunder gewartet oder sogar dafür gebetet haben? Wann war das letzte Mal, dass Sie die Sehnsucht gespürt haben, dass etwas, was schmerzt oder im Schatten steht, sich zum Gutem wenden möge? Die Sehnsucht danach, dass etwas, ganz unerwartet in meinem Leben eintreten soll, um meine Realität zu verändern.

Irgendwie merke ich mit den Jahren, dass ich mir leider abgewöhnt habe, auf Wunder zu warten oder mich überhaupt mit meiner Sehnsucht danach an Gott zu wenden. Enttäuschungen, Verletzungen und Schmerz hindern uns manchmal daran, wie ein Kind zu jauchzen: wunderschön oder wundervoll! Ja, oft gehen wir wie Blinde durch die Welt. Entweder leiten uns die falschen Erwartungen und wir werden von etwas geblendet, was nicht nachhaltig ist, oder wir können unsere Situation nicht annehmen, wie sie ist und machen die Augen ganz zu.

Manchmal gibt es aber Momente, Situationen im Leben, die wir durchstehen müssen und wo es keinen Ausweg gibt. Solche Momente sind besonders schwer. Hilde Domin beschreibt dies sehr treffend am Anfang ihres Gedichtes «Die schwersten Wegen»

Die schwersten Wege

werden alleine gegangen,

die Enttäuschung, der Verlust,

das Opfer,

sind einsam.

Selbst der Tote der jedem Ruf antwortet

und sich keiner Bitte versagt

steht uns nicht bei

und sieht zu

ob wir es vermögen.

Die Hände der Lebenden die sich ausstrecken ohne uns zu erreichen

sind wie die Äste der Bäume im Winter.

Alle Vögel schweigen.

Manchmal bleiben Wunder in unserem Leben aus. Es fühlt sich so an, als ob Wundergeschichten nur für die anderen und nicht für uns wären. Sowie diejenigen in der biblischen Geschichte, die zum Fest eingeladen wurden und zum Schluss noch den besseren Wein bekamen.

Wunder im Hintergrund

Es gibt keinen Menschen, der nicht Teil eines Festes sein möchte: den besseren Wein trinken, mit anderen sprechen, unbeschwerte lachen, Freude und Spass haben, mit allen Kräften einen glücklichen Moment umarmen. Aber es ist nicht hier, wo das Geheimnis Jesu sich offenbar. Es ist nicht hier, wo das Wunder geschieht.

Das Wunder ereignet sich im Hintergrund. Wo Menschen am hin- und herrennen sind, weil es keinen Wein mehr gibt. Wenn wir heute hören, dass damals der Wein ausging, denken wir: Halb so schlimm, sie hätten noch Wasser trinken können. Damals war dies aber anders. Wein war ein Grundnahrungsmittel, das fast für alle zugänglich war. Es wurde mit Brot auf Reisen mitgenommen. Wasser war hingegen als Reinigungsmittel gedacht. Also um genau zu sein, fehlte dann an diesem Fest das Getränk. Was für ein Stress für die Diener!

Es ist hier in diesem Stress, im Hintergrund, in der Küche, im Gewöhnlichen, Alltäglichen, wo das Wunder geschieht. Nur diejenigen, die dienen, können das Wunder sehen, diejenigen, die das Wasser tragen, die Krüge fühlen, diejenigen, die nicht Teil vom Fest sind und erschöpft weiterarbeiten. Wie im Gedicht von Hilde Domin weiter steht:

«Man hört nur den eigenen Schritt

und den Schritt den der Fuss

noch nicht gegangen ist aber gehen wird. Stehenbleiben und sich Umdrehn

hilft nicht. Es muss

gegangen sein.»

Ja, weiter gehen, auch, wenn das Wunder noch ausbleibt.

Kontrolle abgeben

Was hilft denn, wenn das Wunder ausbleibt? Ich komme zur biblischen Geschichte zurück. Da ist Maria. Sie erkennt die Leere und merkt, dass es keinen Wein mehr gibt. Sie handelt so gut, wie sie es in ihrer Situation machen kann. Klar, wir würden sagen, aber derjenige, der etwas tut ist Jesus. Dies ist teilweise richtig, auf der anderen Seite ist Maria diejenige, die an Jesus glaubt und ihn ermutigt, zu handeln. Auf die Aufforderung von Maria antwortet Jesus: Was hat dies mit mir und mit dir zu tun, Frau?

Oft wird seine Antwort als «schroff» gesehen, weil er «Frau» anstatt Mutter sagt. Dieses Wort auf Griechisch, Gunai, wird im Johannes Evangelium auch für die samaritische Frau und Maria aus Magdala benutzt. Beide erkennen, dass Jesus der Erlöser ist. Also es geht in der heutigen Lesung nicht um eine Mutter-Sohn-Beziehung, sondern um eine Nachfolgerin Jesu, die an ihn glaubt und ihm vertraut.

Was hilft, wenn das Wunder ausbleibt? Ich sehe in Maria einen möglichen Weg aus der Hilflosigkeit, indem sie Gott vertraut. Sie handelt, in dem sie glaubt, lässt aber im Vertrauen Jesus wirken.

Wartende Haltung

Dies kann eine Haltung sein, wenn Wunder in unserem Leben ausbleiben. In solchen Zeiten nicht nur «schöpfen», sondern auch unsere Gegenwart, unsere Situation, unseren Schmerz, unsere Enttäuschung und unseren Verlust annehmen und es vor Gott hinhalten – anstatt es zu bekämpfen oder verdrängen. Und dann warten, glauben und vertrauen… und uns so diesem Jesus annähern, der den Menschen in ihrem Alltag und ihrer Not nah ist und nicht an ihnen vorbei geht.

Das Gedicht von Hilde Domin nimmt nach der Schwere der ersten Zeilen eine Wende:

Nimm eine Kerze in die Hand

wie in den Katakomben,

das kleine Licht atmet kaum.

Und doch, wenn du lange gegangen bist, bleibt das Wunder nicht aus,

weil das Wunder immer geschieht,

Ihre Worte erinnern mich an das Vertrauen von Maria. Ein Vertrauen, das auch noch hält, wenn der Weg steinig wird. Auch wenn es manchmal droht verloren zu gehen. Es ist eine Einladung, in diesem Vertrauen zu wachsen, besonders wenn Wunder ausbleiben. Sie teilt Jesus mit, was nötig ist, gibt aber die Kontrolle ab und vertraut.

Hier kann es uns helfen, solche Zeiten als vergänglich zu sehen und uns damit anzufreunden, sie zu umarmen und uns so für Gott zu öffnen. So kann in uns ein wohlwollender Blick wachsen. Der liebende Blick von Gott auf uns in unserer Situation und unser Blick auf uns selbst, liebevoll, was sich nicht nur auf unsere Gegenwart auswirkt, sondern auch auf andere Menschen.

So können wir mit neuen Augen durch die Welt gehen und entdecken, was uns wieder hoffen lässt und unser Leben trotz allem wundervoll macht.

und weil wir ohne die Gnade

nicht leben können:

die Kerze wird hell vom freien Atem des Tags, du bläst sie lächelnd aus

wenn du in die Sonne trittst

und unter den blühenden Gärten

die Stadt vor dir liegt,

und in deinem Hause

dir der Tisch weiss gedeckt ist.

Und die verlierbaren Lebenden

und die unverlierbaren Toten

dir das Brot brechen und den Wein reichen - und du ihre Stimmen wieder hörst

ganz nahe

bei deinem Herzen.

Predigt am 19. Dezember 2021 in Büetigen zum 4. Advent

Freut euch?!

Vor einigen Wochen sagte eine Kollegin an einem Weihnachtsessen: Weihnachten ist nicht abgeschafft, wir sind Weihnachten.

Dieser Satz löste bei mir verschiedene Gefühle aus, auf der einen Seite ein bisschen Niedergeschlagenheit, denn ich muss mich teilweise bemühen in der aktuellen Lage die Vorfreude auf Weihnachten aufrechtzuerhalten, und auf der anderen Seite sehe ich nicht, was an mir Weihnachtliches sein kann.

«Freut euch im Herrn allezeit! Nochmals will ich es sagen: Freut euch!» steht im Paulusbrief. Dies löst die gleichen Gefühle in mir aus, denn in mir steigt mit der aktuellen Corona-Lage, aber auch sonst privat ein bisschen das Gefühl auf: Ich mag nicht mehr. Wie kann ich mich freuen, wenn die Zahlen der Ansteckungen steigen, eine schlechte Stimmung in der Gesellschaft, aber manchmal auch in der Familie, bei der Arbeit und unter Freunden herrscht.

Ich spüre eine Mischung aus Resignation und Ohnmacht.

«Freut euch im Herrn allezeit! Nochmals will ich es sagen: Freut euch!» dies kommt mir wie ein Appell vor. Ja, es ist Imperativ: Freut dich! Freude aber kann man nicht erzwingen, oder?

Wir können die Frage aber anders lesen, als eine Art «Memo», das uns erinnert: Schau hin, auf was kannst du dich in deinem Alltag «jetzt» freuen?

Lasst alle Menschen Freundlichkeit spüren

Dort bleibt aber nicht alles stehen, als nächstes kommt: Lasst alle Menschen eure Freundlichkeit spüren. Eine weitere Herausforderung in dieser Zeit. Freundlich bleiben, auch wenn der andere eine andere Meinung als meine hat oder mich verletzt hat. Freundlich bleiben, wenn ich jemanden verletzt habe, nicht nur den anderen wenn angebracht um Entschuldigung bitten, sondern mir selbst gegenüber freundlich bleiben und mir verzeihen. Nicht allzu streng mit mir ins Gericht gehen. «Lasst alle deine Freundlichkeit spüren, aber vergiss dich selbst nicht dabei».

Freude können wir nicht erzwingen, aber Freundlichkeit können wir üben. Mal eine Freundlichkeit, die keine Gegenleistung erwartet. Ich glaube, die kann viral wirken – ihrerseits ansteckend.

Zurück zum Text. Hier ist der Grund zur Freude und Freundlichkeit: Gott ist nah. Wo aber genau?

Dazu gibt es eine kleine weihnachtliche Geschichte von einem Menschen, der sich auf die Suche nach Gott macht und darüber berichtet (Uwe Seidel):

Ich habe mich auf den Weg gemacht:

Wie einer der Könige suchte ich

Nach einem Lichtpunkt

Am dunklen Himmel.

Wie einer der Hoffnungslosen suchte ich

Nach einem Funken

Hoffnung in dieser Welt.

Wie einer aus der Verlorenheit suchte ich

Ein Zuhause bei Gott.

Ich suchte Gott bei den Menschen

Und fand

Einen Blick, der mich verstand,

und fand

eine Hand, die mich suchte,

und fand

einen Arm, der mich umfasste,

und fand

einen Mund, der zu mir JA sagte.

Ich fand

Gott nach langem Suchen:

Sehr arm,

nicht mächtig,

nicht prächtig,

sehr bescheiden, alltäglich,

als Kind in der Krippe,

nackt, frierend, hilflos,

mit einem Lächeln durch die Zeiten;

das erreichte mich in meinen Dunkelheiten.

Gott fing ganz klein an –

Auch bei mir.

Diese Geschichte zeigt mir, wie ich ein bisschen Weihnachten werden kann, auch in dieser Corona-Zeit. Wenn ich mich von diesem Kind in der Krippe erreichen lasse, von seinem sanften und freundlichen Blick, von seiner Hilflosigkeit statt Herrlichkeit. So kann ich meine traditionellen Vorstellungen und Erwartungen von Weihnachten loslassen. Ich kann meine eigene Hilflosigkeit spüren und zulassen. So beginnt eigentlich Weihnachten, mit hilflosen Eltern, hilflosen müden Hirten auf einem Feld, hilflosen Wirten - einer zugeschlagenen Türe, um das Eigene sichern - und hilflosen sehnsüchtigen Sterndeutern, die einem Stern folgen, um Führung zu finden.

Weihnachten als Raum für unsere Hilflosigkeit. Was hilft aber diese auszuhalten?

Fürbitte und Danksagung

«Lasst alle Menschen eure Freundlichkeit spüren. Der Herr ist nahe. Sorgt euch um nichts, sondern lasst in allen Lagen eure Bitten durch Gebet und Fürbitte mit Danksagung vor Gott laut werden»

Wenn die Hilflosigkeit und die Angst in dir hochkommen, bete und tue dies laut. Das «laut» Sprechen hat etwas Heilsames an sich selbst. Ich lasse mich nicht von den Ängsten und negativen Gedanken knechten, sondern ich benenne sie und dies vor Gott, dankend, klagend, bittend, suchend.

In der Ohnmacht, in der Hilflosigkeit und Traurigkeit bringt euer Gebet laut vor Gott, als Fürbitte, aber auch als Danksagung.

Weihnachten ist nicht abgeschafft, wir sind Weihnachten

Vor Kurzem las ich in der Zeitung: Weihnachten ist kein Friede-Freude-Eierkuchen-Fest. Weihnachten war eine Zumutung für Maria und Josef mit dem unehelichen Kind und der Geburt im Stall. Genau ist Weihnachten manchmal eine Zumutung für uns. Umgekehrt macht sie uns Mut. Gott ist dort erschienen, wo die Menschen am Boden waren. Auch die Pandemie ist eine dunkle Zeit. Wir können uns gemeinsam auf die Suchen nach diesem Gott machen.

Dabei merke ich: Meine Kollegin hatte Recht. Weihnachten findet dieses Jahr statt, im Kleinen, vielleicht unspektakulär und doch in Verbundenheit.

Weihnachten findet statt, wo Menschen offen von ihren Ängsten sprechen, statt sich gegenseitig anzugreifen.

Weihnachten findet statt, wenn wir uns in Freundlichkeit üben.

Weihnachten findet statt, wo wir um Vergebung bieten. Aber auch, wo wir uns selbst vergeben.

Weihnachten findet statt, wenn das Leid der Welt nicht übersehen wird und im Gebet vor Gott gebracht wird.

Wir sind Weihnachten, wenn wir unsere Hilflosigkeit annehmen und sie vor Gott bringen.

Wir sind Weihnachten, wenn wir uns einen neuen Anfang, wenn auch mit kleinen Baby-Schritten, erlauben.

Wir sind Weihnachten, wenn wir uns hingeben und auf die Liebe zu den anderen, zu uns selbst und zu Gott setzen. Amen.

Predigt am 27. Juni 2021 in der Pauluskirche zur Geschichte Turm zu Babel (1. Mose 11:1-9)

Spiegeln, Spiegeln an der Wand… welches Gebäude ist das höchste im ganzen Land?

Es gibt ein kleines Dorf in Norditalien, San Gimignano. Es ist ein hübsches italienisches Dorf mit der besten Glace der Welt und einer Besonderheit: 15 Türme, die einst von den Patrizierfamilien erbaut worden waren. Früher gab es sogar 72 solcher Türme im Dorf. Sie waren nicht zum Bewohnen gebaut, sondern sie waren Zeichen von Reichtum und Macht.

Spiegeln, Spiegeln an der Wand… welches Gebäude ist das höchste im ganzen Land?

Das Dörfchen Vals im Bündnerland hat 1000 Einwohner. Dort wollte der Financier Remo Stoffel einen 381 Meter hohen Turm mit Hotel bauen. Das Hotel kostete 300-Millionen-Franken und besteht aus 107 Suiten auf 82 Stockwerken. Das Hotel ist heute stark verschuldet und sucht Partner für Finanzierungsmöglichkeiten. Der Traum eines Turms, um Stadtkultur und eine landwirtschaftliche Umgebung zu verbinden, ist stehen geblieben.

Damals und heute werden Türme gebaut. Heute sehen sie zum Teil anders aus oder haben andere Namen:

-wie zum Beispiel das jährliche Treffen der G7/G8, die sich zum ersten Mal 1975 unter dem Namen „Weltwirtschaftsgipfel“ trafen. Ein Treffen von reichen Ländern, die nur ihre einigen Interessen im Blick haben.

-Heute werden Türme in Form von Mauern gebaut z.B. an der Grenze zwischen den USA und Mexico, um Grenzen zu setzen, Migranten/innen den Weg zu versperren und sie auszuschliessen.

-Heute werden Türme in Form von Tonnen von Papier gebaut, Zeichen unnötiger Hürden und Bürokratie.

-Heute werden Türme in der dritten Welt gebaut, wo es Länder gibt, die eine Währung haben, die fast keinen Wert hat und von Dollar oder Euro bestimmt wird.

Heute werden Türme gebaut, dort, wo der Versuch besteht, mit Macht Einheit zu etablieren.

Aber Gott bleibt nicht fern. Er steigt herab.

Er kommt nicht zu bestrafen, wie oft aus dieser Geschichte interpretiert wird. Er kommt herab, um die Menschen zu befreien. Sie befreien von ihrer Enge, von ihrer Engstirnigkeit.

Und vor allem befreit er die anderen Völker, die neben diesem Volk lebten. Denn sie waren nicht das einzige Volk auf der Welt. Sie waren nur ein Teil davon.

In dieser Geschichte geht es nicht nur um die Entstehung der Sprachen, sondern vielmehr um eine Geschichte, die erzählt, wie Gott durch die Verwirrung der Sprache diese imperialistischen Züge dieses Volkes beendet. Und wie Gott mit seinem Tun die Vielfalt bejaht.

„Vielfalt bejahen“

Vielfalt gehört auch zur Schweiz. Ein Land mit vier anerkannten Landessprachen.

Vielfalt gehört zu unserer Stadt Biel mit mindestens 144 von den 192 anerkannten Kulturen auf der Erde.

Wir erkennen Vielfalt durch unsere Sinne, durch verschiedene Farben, Gerüche, Gebräuche, Musik, Grosse oder Länge. All das sind äusserliche Merkmale.

Aber haben Sie schon versucht, die Vielfalt in sich selber zu entdecken?

Vor einigen Jahren ging ich zu einer Konferenz. Ein Theologie-Professor aus Amerika kam in die Schweiz, um über Spiritualität zu sprechen. Er erzählte etwas, was ich nicht vergessen habe und was mich nachdenklich stimmte. Er hatte Kontakt mit einer Vietnamesin. Sie war aus Vietnam ausgewandert und kam nach Amerika. Denn hier lebte der Vater von ihrem Sohn. Als sie endlich ein Zuhause bekam und es einrichten konnte, errichtete sie einen Altar. Dort sah man drei Figuren: Buddha, weil sie Buddhistin war. Das Foto vom Vater ihres Sohnes. Und zuletzt die Figur von Jesus, ihr Gott im neuen Land. Alle waren auf der gleichen Ebene.

Der Professor regte mich zum Nachdenken an, wie auch wir die Vielfalt in uns selber tragen, auch in religiösen Fragen oder Handlungen. Er sprach von Multireligiosität in uns Menschen. Dieses Wort steht für die verschiedenen Prägungen, wie wir sie von unserer Mutter oder unserem Vater mit auf dem Weg bekommen haben, oder von der Sonntagsschule oder falls wir mal im Ausland in einer anderen Kirche waren oder in Beziehung mit jemandem waren, der einer anderen Religion angehört.

Die Bibel ist für mich Zeugnis von dieser Vielfalt der Gotteserfahrungen, Menschen und Gottesbilder. Deshalb verwundert es mich nicht, dass die Geschichte von Turm zu Babel ganz am Anfang der Bibel steht und die Vielfalt bejaht.

Und wo Vielfalt ist…dann ist nicht immer einfach.

Ja, es gibt Auseinandersetzungen, die notwendig sind, um sich in die Welt der anderen hineinzuversetzen.

Wo Vielfalt ist, gibt es Sympathie und Antipathie, ja, das ist menschlich.

Wo Vielfalt ist, gibt es Wirren, die nicht immer einfach zu lösen sind.

Aber wenn ich die Vielfalt als Bestandteil von mir selber und jedem Menschen erkennen kann, dann stehen immer wieder neue Wege offen, die zueinander führen und zu Brücken werden.

Amen.

Predigt am 30. Mai 2021, Konfirmation in der Stadtkirche Biel - Kohelet 9,7-9

Für das Konflager sind wir am Freitag ins Forest-Jump gefahren. Nach einer einstündigen Wanderung kamen wir im Seilpark an. Nach einer kurzen Pause habt ihr sofort angepackt und mit dem Parcours begonnen. Ich habe dabei beobachtet, wie ihr euch gegenseitig Mut gemacht habt, wenn jemand laut geschrien hat: „Ich habe Angst!“ Und wie ihr euch Orientierung gegeben habt, wenn jemand gefragt hat: „Wie hast du es gemacht?“

Ich habe auch gesehen, wie ihr eure Grenzen eingeschätzt habt, und wenn es nicht mehr ging, den Ausgang aus dem Parcours gesucht habt. Dies fand ich mutig. Denn für das Leben ist es wichtig und notwendig, sich selbst zu spüren und zu merken, wo die eigenen Grenzen liegen.

An diesen Tag ging es um Vertrauen, ineinander, aber auch in sich selbst. Denn den Schritt in die Luft habt ihr es selber gemacht. Ihr habt die Augen zugemacht und darauf vertraut, dass das Seil euch trägt.

„Ich setzte den Fuss in die Luft, und sie trug“, schrieb eine deutsche Dichterin, Hilde Domin. Ja, es ging auch, um Vertrauen an etwas Grösseres, vielleicht für einige eine Kraft, für andere Gott.

Ein Mittagessen rund um das Feuer hat euch gestärkt und dann ging es wieder los. Trotz eines drohenden Gewitters habt ihr euch nicht entmutigen lassen. Und dann als wir eine Stunde zurück zum Bus marschierten, seid ihr plötzlich ganz nah nebeneinander gelaufen und ein Team geworden. Ihr habt diesen Tag voll genossen.

"Gott gefällt seit langem schon, was du tust. Genieße das Leben mit dem Menschen, den du liebst."

Genuss wird in unserer Gesellschaft leider oft in einem schlechten Licht gesehen. Denn es wird mit Übermass verbunden. Für mich bedeutet Genuss, bei etwas länger zu verweilen und nicht schnell zum Nächsten zu wechseln. Sich auf etwas konzentrieren und sich damit vertraut machen. Ein Freund von mir bezeichnet sich als Geniesser. Er schreibt alles, was er geniesst in einem ganz besonderem Tagebuch. Danktagebuch nennt er es. Geniessen hat mit Dankbarkeit zu tun. Ein Dankgebet verändert unser Weltbild, wenn wir alles schwarzmalen. Deshalb:

"Geh, iss dein Brot in Freude und trinke frohen Herzens deinen Wein. Denn Gott gefällt seit langem schon, was du tust. Zu jeder Zeit seien deine Kleider weiß, und es fehle nie das Öl auf deinem Haupt." (Kohelet 9,7-9)

Weisse Kleider und Duftöle auf dem Kopf waren in Ägypten und Mesopotamien üblich, wenn man an einem Festmahl teilnahm. „Jederzeit“ bedeutet, dass man jede Gelegenheit nutzen soll, das Leben zu bejahen. Dies ist nicht immer leicht.

Ich erlebe es bei mir selber und oft in der Kirche, dass das „Nein“ und das „Aber“ viel mehr Raum einnehmen als das „Ja“.

Büne Huber sagt JA in seinem Lied "Für immer uf di", wenn er über das, was am Keimen ist, spricht: die grünen Triebe, die süssen Früchte in den Bäumen, grosse Pläne und Träume. Diese beide letzte beeindrucken mich besonders, weil ich oft das Gefühl habe, dass wir unsere Träume und Pläne zu früh aufgeben, nachdem sie vielleicht ein- oder zweimal nicht geklappt haben. Obwohl Corona uns zum Teil gebremst hat, ist es wieder Zeit für grosse Träume und Pläne, nicht nur für uns, sondern auch für unsere Welt.

Gerade hier ist wo Gott im Buch Kohelet eine wichtige Rolle spielt. Gott ist der, der die Zeiten ordnet. Kohelet schreibt: „Alles hat seine Zeit – ich sah, was Gott den Menschen zu tun überlassen hat. Alles hat er so gemacht, dass es schön ist zu seiner Zeit“. (Kohelet 3,11)

Es gibt Momente in unserem Leben, in denen ich diese Schönheit nicht sehen kann. Es ist nicht immer schön und nicht immer einfach, das anzunehmen, wozu mich der Augenblick herausfordert. Oft erscheint er zu schwierig oder zu bedeutungslos oder einfach nur sinnlos. Es braucht oft ein grosses Stück Mut und Vertrauen, sich der Aufgabe des Jetzt zu stellen.

Helfen kann mir dabei der Glaube, dass Gott mich zu keiner Zeit im Stich lässt, dass nichts, was geschieht, ohne Gott geschieht. Er ist zu jeder Zeit mit uns, in den guten und in den schwierigen Zeiten. „Meine Zeit steht in deinen Händen“ heisst es im Psalm 31,16.

Deshalb vertrau darauf, dass Gott für euch sorgt und ihr in ihm mit euren Vorhaben geborgen seid.

Zum Schluss möchte ich euch einen Segen von Pierre Stutz mit auf dem Weg geben:

Geniesse das Leben

wohl dir

es wird dir gut ergehn

Lebe Zärtlichkeit

Lebensfreude

Sensibilität

Mitgefühl

Dankbarkeit

Gesegnet wirst du so sein.

Amen.

Fotos von Caroline Hirt, 30. Mai 2021

Gedanken zum Pfingsten 23. Mai 2021

«…und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jeden von ihnen liess eine sich nieder.»

Am Freitag und Samstag hatte ich Kurs zum Thema Strategie in der Kirche. Die Hauptfrage war, warum machen wir was wir tun? Was begeistert uns als Kirche heute?

Ich habe 4 kurze Thesen dazu formuliert:

• Meine erste These lautet denn: Eine durch das Evangelium geprägte Gemeinschaft pflegt eine Willkommenskultur. Unsere Welt betont immer mehr und mehr die Individualität. An Pfingsten steht die Gemeinschaft im Zentrum.

Eine begeisterte Kirchgemeinde bietet Raum für Begegnung. Begegnung der Generationen.

Begegnung verschiedener Menschen und

Kulturen. Sie bietet ihnen ein Stück Heimat.

• Die zweite These: eine engagierte

Kirchgemeinde lebt vom Mut zur Veränderung. Wir sind eine Kirche mit einer langen Tradition. Unsere tief verwurzelte Tradition ist: Ecclesia Reformata et Semper Reformanda est. Dies heisst für mich, dass die Kirche nicht sitzend wartet und nichts tut, während die Welt sich verändert, sondern sie verändert sich mit der Welt und so verändert sie die Welt. Eine begeisterte Kirchgemeinde in unserer Zeit geht auf die Menschen zu und fragt nach ihren Bedürfnissen. Sie begegnet ihnen auf Augenhohe. Unsere reformierte Kirchgemeinde ist nicht nur eine Kirche für die Menschen, sondern eine Kirche, die mit den Menschen unterwegs ist.

• Meine dritte These lautet: eine begeisterte Kirche schämt sich nicht von ihrer Aufgabe in der Gesellschaft: Nahrung für Seele und Leib

anzubieten. Manchmal kommt mir unsere Kirche als eine Kirche vor, die sich entschuldigen muss, weil sie eine Kirche ist. Sie tritt wenig selbstbewusst auf und weiss nicht genau, was sie will. Gleichzeitig frage ich mich, ob uns manchmal die Begeisterung für das «Kirche-Sein» fehlt? Die Jünger und Jüngerinnen waren überzeug vom

Weg von Jesus und von seiner Lehre. Sie haben nicht nur darüber gesprochen, sondern auch gehandelt.

• Meine letzte These lautet: Die Grösse der Kirche darf nicht ein Kriterium für die Grösse unserer Begeisterung sein. Als Pfingsten geschah, war das Christentum eine Minderheit. Trotzdem lebten sie ihren Glauben. Gott möge uns durch seinen Geist «entflammen» für das «Kirche-Sein und Kirche-Bleiben». Er begleite uns auf die Suche eines gemeinsamen Weges in unserer Welt, damit mutig und begeistert weitergehen.

Amen.

Predigt zum Karfreitag am 02. April 2021

Ohnmacht im Leben

Ein italienischer Theologe, David Turoldo, sagte einmal: „Am Ostertag glauben, das ist kein richtiger Glaube: Zu schön bist du an Ostern. Wahrer Glaube glaubt am Karfreitag“ -

„Wahrer Glaube glaubt am Karfreitag“ - Dieser Satz ging mir unter die Haut. Wie kann man doch am Karfreitag glauben? Der dunkelste Tag im Leben von Jesus. Der Tag, an den wir direkt mit unserer Dunkelheit, unserem Leid und unserer Ohnmacht konfrontiert werden. Wie kann man dann glauben?

-Wie glauben? Wenn einer meiner geliebten Menschen in einem Unfall stirbt.

-Wie glauben? Wenn ich eine unheilbare Diagnose in die Hand gedrückt bekomme.

-Wie glauben? Wenn ich meine Arbeit verloren habe, hohe Schulden habe und meine Familie ernähren muss.

-Wie glauben? Wenn mein Vater an Demenz erkrankt und mich nicht mehr erkennt.

-Wie glauben angesichts der Armut, die kein Ende hat?

-Wie glauben, wenn wir die Folgen des Klimawandels in unserem Alltag stark spüren und kein Ende sehen?

„Wahrer Glaube glaubt am Karfreitag“

Wo ist Gott am Karfreitag? Sieht er all das Leiden nicht? Warum greift er nicht ein?

Ohnmacht in der biblischen Geschichte

Frauen und Männer stehen da beim Kreuz. Ich versuche mir vorzustellen, was ihnen durch den Kopf geht.

Ich versetze mich an die Stelle von Maria, deren Herz vor Schmerz fast zerbricht. Es gibt keine Worte, die ihren Schmerz fassen können. Bei ihr ist ihre Schwester. Sie versucht, Maria zu unterstützen und ihren Schmerz mitzutragen. Und da sind Maria von Magdala und einer der Jünger, seiner treuen Nachfolger, die alles tun würden, um ihm zu helfen. Alle würden gerne das Möglichste tun, um Jesus das Leiden zu ersparen. Aber es gibt nichts, was sie tun können, ausser zuzuschauen. Sie stehen da, ohnmächtig und ausgeliefert.

Viele interpretieren dieses Geschehen als Plan Gottes und glauben, dass er, der Allmächtige, sich freiwillig für uns in den Tod gibt. Ich kann das nicht glauben. Ich sehe nur die Machtspiele, die Ängste, die Ungerechtigkeit, die dazu führen, dass Jesus gekreuzigt wird. Deshalb frage ich mich nochmals: Kann man angesichts des Leides überhaupt noch glauben?

Gott leidet mit

Ernes Ronchi, ein weiterer italienischer Theologe, ist dieser Frage nachgegangen. Er leitet seit einigen Jahren eine Gruppe von Eltern, die ein Kind verloren haben. Für die Mütter und Väter ist es ein unvorstellbarer Schmerz, für den es keinen Namen gibt. Bei einer der Zusammenkünfte sagte einer:

„Am dem Tag, an dem wir dem Herrn von Angesicht zu Angesicht begegnen werden, und ich hoffe, es ist bald, an dem Tag, an dem wir ihn sehen, wie er ist, werden wir ihn alle fragen: Warum mein Sohn? Warum meine Tochter? Warum…? Dann wird Gott zu jeder Mutter, zu jedem Vater kommen; er wird zu uns kommen und uns um Verzeihung bitten: „Es tut mir so leid, ich bitte dich, verzeih mir, ich konnte dein Kind nicht retten, ich konnte es nicht. Vergib mir.“ Und er wird jeder Mutter und jedem Vater in die Augen schauen, und seine Augen, die Augen Gottes, werden voller Tränen sein. Und dann ist es die Aufgabe jedes Vaters, jeder Mutter, all derer, die viel, die allzu viel geweint haben, den Herrn in die Arme zu nehmen und seine Tränen, die Tränen Gottes zu trocknen.“

Dieses Bild des weinenden Gottes berührt mich immer wieder sehr und lässt mich Gott auch in meinem Leiden finden, ganz nah, an meiner Seite. Seine Tränen zeigen mir seine Zärtlichkeit und Liebe. Dies darf auch am Karfreitag Platz haben.

Kämpferische Zärtlichkeit

Die Kreuzigung Jesu bleibt brutal. Es ist der Ort der grössten Ohnmacht und Verlassenheit. Es erinnert mich daran, dass das Leben fragil und zerbrechlich ist. Das Kreuz bleibt hart und schwierig zu ertragen – aber in dieser Verlassenheit kann (nicht muss, sondern kann) die Erfahrung gemacht werden, dass Gott dort präsent ist (wie auch immer das dann geschieht).

Jesus selbst ist nicht die Erzählung der Allmacht, sondern der Zärtlichkeit Gottes: einer kämpferischen Zärtlichkeit sagt Ronchi. Gott ist Liebe, er kann nicht alles, er kann nur, was die Liebe kann. Diese Zärtlichkeit sehe ich z.B. im Auftrag von Jesus an seine Mutter und seinen geliebten Jünger: Siehe, hier ist deine Mutter - hier ist dein Sohn. Die Zärtlichkeit zeigt sich darin, dass sie sich gegenseitig annehmen. Gerade dort vor dem Kreuz.

Gottes Macht ist die eines kleinen Samenkorns, die einer Mutter an der Seite ihres kranken Kindes, einer Mutter, die es nicht heilen kann, aber da ist, nicht von seiner Seite weicht, deren Herz mit dem seinen schlägt, die ihm Kraft und Halt gibt.

Gott ist nicht ein „Allmächtiger, der liebt“, ein König mit absoluter Macht, der sich gnädig dazu herablässt zu lieben; er ist allmächtige Liebe, einer, der die Menschen bis zum Äussersten zu lieben vermag, grenzenlos, bedingungslos.

Bis zum Ende von Jesus‘ Leben gibt es Zeichen von Gottes Liebe und seiner Zärtlichkeit. Das ist der Weg, den Jesus gegangen ist, der Weg der Liebe.

Noch einmal von der Wärme des Lebens sprechen

Die Liebe ist Beistand. Sie gibt unserer Hilflosigkeit Raum und Schutz, dass sie sein darf. Die Liebe hält aus in der Ohnmacht, sie ist da und bleibt, ganz schlicht.

Mir kommen viele Angehörige in den Sinn, die ich in der Trauer begleitet habe oder die den letzte Hilfe Kurs besucht haben und sich zum Teil Gedanken machen, was sie hätten anders machen können. Beim Erzählen merken sie, dass sie das Wichtigste gemacht haben: Sie waren da. Da sein ist ein grosses Zeichen der Liebe.

Wahrer Glaube glaubt am Karfreitag - ich glaube nicht, dass es uns immer leichtfallen wird, am Karfreitag zu glauben, auch nicht im Leiden. Es wird Momente geben, in denen wir verzweifelt sein werden, weil wir den Weg aus dem Leiden nicht direkt erkennen.

Die Ohnmacht, in der es „nicht mehr zu machen ist“, ist im Zeitalter der „Macher“ und des „Machbaren“ schwer zu ertragen. Wegsehen statt mitgehen, ist die Devise. Und schon gar nicht bleiben! Wir können aber nicht an dieser Ohnmacht vorbei gehen, wir können nur hindurch gehen - zu einem neuen Leben.

Ich glaube, dass Gott uns im Leiden nahesteht und nicht fern ist, dass er uns trägt und Menschen zur Seite stellt, mit denen wir über das Leiden, aber auch über die Wärme des Lebens sprechen können und Geste Zärtlichkeit teilen können, die uns aus der Ohnmacht führen. Amen.

Predigt zur Einheit der Christen in Bruder Klaus am 24. Januar 2021

Diese Woche schaute die Welt auf Amerika. Die Amtseinführung des neuen Präsidenten fand statt. Diese war fast wie ein Gottesdienst aufgebaut. Ganz besonders war für mich das Gedicht der jungen Poetin: Amanda Gorman. Sie nahm das Thema unseres Gottesdienstes auf, die Einheit.

Im Gedicht von Gorman ist das „Bleiben“ der Kern. Sie beschreibt die vergangenen vier Jahren, die das Land durchstehen musste. Das erlebte mag ein Grund sein, um nicht weiter an die Einheit zu glauben und weiter Spaltung zu säen, aber es gibt auch gute Gründe um zu bleiben, sich zu versöhnen und an die Einheit zu arbeiten. In diesen Sinn sagt sie:

Wir sind alles andere als lupenrein,

alles andere als makellos,

aber das bedeutet nicht, dass wir uns bemühen,

eine Gemeinschaft zu bilden, die perfekt ist.

Wir bemühen uns, eine Einheit zu erreichen, die ein Ziel hat. Und so richten wir unsere Blicke nicht auf das, was zwischen uns steht, sondern auf das, was vor uns steht.

Soweit Gorman.

Bleiben ist nicht immer einfach.

Wir leben in einer Zeit, in der wir von einer zu einer anderen Aufgabe hetzen müssen. Eine Zeit, in der jede Sache knapp und genau bemessen wird. Wenn jemand länger an etwas bleiben möchte, schwimmt er sozusagen ein bisschen gegen den Strom.

Bleiben hat mit Dauer zu tun. Bleiben braucht Zeit. Bleiben ist nicht langweilig, zumindest nicht, wenn es bewusst gelebt, wenn die Zeit gefüllt wird. Bleiben ist etwas anders als Warten. Bleiben hat etwas mit Treue zu tun, mit einem bewussten Ja zu dem, was ist und wie es ist.

Die Kunst des Bleibens haben wir uns angeeignet, wenn wir gelernt haben, bei uns selbst zu bleiben; und selbst treu zu bleiben, es mit uns auszuhalten. Bleiben hat nicht nur mit Zeit zu tun, sondern auch mit Ruhe.

Ich kenne aber auch das andere, das ich bei einer Sache, bei einem Thema, einer Aufgabe oder Beziehung nicht bleiben möchte. Da sind Situationen, in denen ich verletzt worden bin und ich mir die Frage stelle: Lohnt es sich weiter zu machen, dran zu bleiben, Zeit zu investieren?

Es gibt Situationen in unserem Leben, in denen ein Gefühl des Abgeschnittenseins, entsteht. Situationen, in denen es besonders schwierig ist, in Verbindung mit uns selbst zu bleiben. Das Verb „verdorren“ im biblischen Text beschreibt für mich am besten diesen Zustand. Gerade dieses Wort ist für mich wie ein Dorn. Ein Wort, das sticht und über das ich gestolpert bin. Pflanzen verdorren aufgrund von grosser Hitze. Sie werden völlig trocken und dürr. Wir Menschen kennen auch solche Zustände, wo wir an unsere Grenzen stossen und wenig spüren, was uns nährt und verbindet.

Als ich den biblischen Text zum ersten Mal las, dachte ich, Jesus spricht von zwei Arten von Menschen: die, die in ihm bleiben und die, die es nicht tun. Nun merke ich, dass diese beiden Arten Teil von mir selber sind. Es gibt Situationen, in denen ich mich verbunden fühle, und andere, in denen das Abgeschnittensein droht.

Für mich macht der Unterschied, mit welcher Grundlage ich diesen beiden Situationen begegne. Wenn ich mit Gott in beide eintauche, habe ich einen anderen Boden, als wenn ich dies ohne ihn tue. Wenn wir in Jesus bleiben, dann durchdringt er uns mit seiner Liebe. Und diese Liebe lässt uns Frucht bringen. Die wahre Frucht besteht nicht in grössen Leistungen nach aussen, sondern in der Liebe, die nun von uns ausstrahlt. Alles, was wir tun, ist nur dann fruchtbar, wenn es von der Liebe geprägt ist. Die Worte, die wir sagen, bringen Frucht, wenn es Worte der Liebe sind. Wenn wir andern helfen, wird es nur zum Segen für sie, wenn es aus Liebe geschieht. Die beruflichen Leistungen zählen nur dann, wenn sie aus der Liebe strömen. Doch wenn die Liebe fehlt, bleibt es unfruchtbar.

Und doch auch im Schwierigen können wir Früchte tragen, wenn wir in Jesus bleiben.

Amanda Gorman nimmt sich Zeit und geht nicht an den letzten dunklen Jahren des Landes vorbei, sondern sie schöpft Kraft daraus und sieht, was Frucht getragen hat in den letzten vier Jahren:

Lasst die Welt sagen, dass dies wahr ist:

Dass wir, selbst als wir trauerten, wuchsen

Dass wir, selbst als wir Schmerzen hatten, hofften

Dass wir, selbst als wir ermüdeten, es weiter versucht haben

In diesem Sinne lass uns, liebe Gemeinde, heute feiern, dass wir hier versammelt sind.

Lass uns Gott danken für all das, was wir in unserem Leben durchgestanden haben.

Lass uns ihm danken für all die Kraft zum Bleiben und dranbleiben, die wir von ihm erhalten haben.

Lass uns feiern, dass wir uns in diesem Gottesdienst gegenseitig wahrnehmen und spüren.

Lass uns aus den guten Erfahrungen im Miteinander wachsen und aus den schlechten lernen.

Lass uns aufeinander zugehen in diesen Zeiten, in denen wir die Folgen einer Krise zusammen bewältigen und durchstehen werden. Lass uns Brücken bauen, um Kirche in unserer und für unsere Stadt zu sein.

Am Ende vom Gedicht steht:

Wenn der Tag kommt, treten wir aus dem Schatten heraus, entflammt und ohne Angst.

Die neue Morgendämmerung erblüht, wenn wir sie befreien. Denn es gibt immer Licht,

wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen,

wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.

Amen.

Weihnachtspredigt 25. Dezember 2020 in der Stadtkirche Biel

Lesung Johannes 1:1-14

"Systemrelevant"

«Systemrelevant» ist das Wort des Jahres in der Deutschschweiz. Bei jedem grossen Entscheid in Bezug auf Corona wurde vom Bundesrat immer wieder berücksichtig, wer «systemrelevant» ist. Ein System ist eine Einheit, die sich selber reguliert. Zu einem System gehören Einzelteile, die zu einem Ganzen gefügt werden. Eine Familie ist ein System. Die Interaktionen unter ihren Mitgliedern beeinflussen das System. Die Natur ist auch ein lebendiges System, das nicht nur Tiere und Pflanzen beeinflussen, sondern auch Menschen. Wenn heutzutage über System gesprochen wird, ist in der Regel das wirtschaftliche System gemeint. Was hält das System am Laufen?

Die Diskussion rund um diese Kategorisierung erreichte auch die Kirche: Ist die Kirche systemrelevant? Lange wurde darüber diskutiert, ob die Kirchen trotz Massnahmen Gottesdienste feiern dürfen und ob Gesang ausnahmeweise in der Kirche erlaubt sein soll. Präsidenten von verschiedenen Kirchen setzten sich öffentlich ein und reklamierten Rechte, die der Kirche scheinbar zustehen, weil sie aus ihrer Sicht systemrelevant ist.

Am Anfang war das System

Am Anfang war das System und das System herrschte über alles. Jeder Mensch im System hatte eine Aufgabe und funktionierte dementsprechend. Am Morgen aufstehen, leisten, essen und schlafen gehen und wieder aufstehen und so immer wieder von vorne.

Am Anfang war das System und das System herrschte über alles.

Wer seine Aufgabe erfüllte, wurde gelobt, wer es nicht schaffte, wurde schnell auf eine andere Abteilung verlegt. Wer nicht mehr leisten konnte, wurde entsorgt. Immer wieder neue Kräfte wurden für das System gesucht: die schönsten und agilen bekamen die besten Plätze. Die anderen mussten sich mit schwerer Arbeit trösten. Denn immerhin waren sie zumindest Teil vom System. Es gab viele andere, die abseits vom System waren und die Herrschenden im System kaum interessierten.

Am Anfang war das System und das System herrschte über alles.

Im Anfang war das Wort

Moment schnell, das steht hier so nicht geschrieben. Am Anfang war nicht das System, «Im Anfang war das Wort, der Logos, und der Logos war bei Gott, und von Gottes Wesen war der Logos. 2 Dieser war im Anfang bei Gott.»

Was für einen Kontrapunkt setzt Johannes! Der Anfang und das Ende des Systems ist nicht der Kaiser, wie zurzeit Jesu, oder das System selber, sondern das Wort. Das Wort, das bei Gott war, Fleisch wurde und Licht zu den Menschen brachte.

Wie schwierig mag das gewesen sein, an diesen Menschen-Gott zu glauben, der ein anderes Bild vom Menschenleben vertrat als das herrschende System. So schwierig, dass es nicht alle annehmen konnten.

Und wir? Können wir es aufnehmen?

Wir leben in einer dunklen Zeit, in der alles genau kalkuliert und berechnet wird. Können wir andere Gedanken als Zahlen und Statistiken Raum geben?

Jesus kommt und stellt all unsere Rechnungen auf dem Kopf. Zahlen, Statistiken, Fakten sind nicht das Wichtigste im Leben, sagt er, sondern das, was einen erfüllt, was uns Freude bereitet, was uns hoffen und glauben lässt. Das, was das Leben fordert. Dies nimmt sich Jesus zu Herzen.

Abseits vom System

Jesus wird abseits vom System geboren. Er und seine Familie waren nicht systemrelevant. Jesus stellt aber mit seinem Wirken eine Herausforderung für das herrschende System dar. Ein Beispiel ist das Gleichnis, in dem Jesus erzählt, dass drei Menschen an einem Tag unterschiedlich arbeiten, und der letzte, der zur Arbeit kommt, gleich viel Lohn wie die anderen bekommt, die schon seit langem arbeiten. Wie kann ein solches System gut funktionieren? Würden sich Ökonomen heute wundern.

Jesus handelt aber nicht um des Systems Willen, sondern um der Menschen Willen.

Jener Grosse, Verrückte, der immer noch an uns glaubt, wie Kurt Marti sagt, kommt und wohnt unter uns. Johannes geht noch tiefer. Er sagt: Gott baut sein Zelt unter uns, wo wir es am wenigsten erwarten. Mitten im Leben. So kommt Gott aus der Welt der hochfliegenden Gedanken und Zahlen herunter.

Das Fragile vom Zelt

Gott kommt und baut sein Zelt unter uns. Ein Zelt ist etwas, das man schnell aufbauen kann. Es schützt vor Wind und Regen und trotzdem ist man dem Wetter ganz anders ausgesetzt als in einem Haus aus Stein. Es braucht wesentlich mehr Vertrauen, an einem Ort sein Zelt aufzuschlagen als ein festes Haus aufzusuchen. Wer ein Zelt aufbaut, bleibt erreichbar und kann sich nicht hinter Mauern verstecken. Ein Zelt ist beweglich und bietet Freiheit.

«Und das Wort, der Logos, wurde Fleisch und zeltete unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit»

Am Anfang war das Wort und das Wort wurde Fleisch, blieb nicht mehr fern von uns. Es kam zu uns zelten, mitten in unserem System, um feste Ideen und Vorstellungen zu durchbrechen.

Ist die Kirche Systemrelevant?

Ich komme zurück zu einer ersten Frage: Ist die Kirche systemrelevant? Nein, das ist sie nicht, wage ich zu sagen.

Die Kirche ist nicht eine gesellschaftliche Organisation, die für das Funktionierend des Systems unentbehrlich ist, sondern eine Gemeinschaft von Menschen, die die Hoffnung, den Glaube und die Liebe als tragender Grund vom Leben sehen. Dies geschieht nicht wegen des Systems, sondern um der Menschen Willen. Diese Gemeinschaft ist nicht systemrelevant, sondern existenzrelevant. Ich denke, dass es besser wäre in unserer Zeit über die Lebensrelevanz des Glaubens zu sprechen, statt als Kirche Systemrelevanz einzufordern.

Wenn wir heute die Weihnachtsgeschichte nach Johannes hören, sind wir auch gefragt. «Die ihn aber aufnahmen, denen gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben». Gott ist mitten unter uns, wo wir einander Mut machen und heilen, wo wir Erfüllung erfahren und Lust am Leben teilen, wo Schmerzen und Leid mitgetragen werden. Gott, Jener Grosse, Verrückte, der noch immer an Menschen glaubt, ist in jedem Anfang inne und hütet die Anfänge, die Schritte, die wir immer zueinander wagen.

Am Anfang war das Wort. In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. Amen.

Predigt zum 3. Advent 2020 in der Pauluskirche

Lesung: Jesaja 40: 1-5; 9-10

Anfang Dezember ging ein Foto rund um die Welt: ein Arzt im Schutzanzug hält auf einer Corona-Intensivstation einen älteren Patienten tröstend im Arm. Der Arzt hatte bereits 252 Tage in Folge gearbeitet. Es war der Feiertag Thanksgiving, als er einen weisshaarigen Mann sah, der versuchte aus seinem Bett zu kommen. «Ich will bei meiner Frau sein», sagte er weinend. Der Arzt erzählt, dass er die Traurigkeit des Mannes gespürt hat, deshalb hat er ihn umarmt. Nach einer Weile beruhigte sich der alte Mann und fühlte sich besser.

«Tröstet, tröstet, mein Volk» (Jes 40,1)

Im heutigen biblischen Text geht es gerade darum, um Trost. Trost ist lebenswichtig. Wir alle sehnen uns danach, wenn wir uns traurig fühlen und wenig Zuversicht spüren.

Obwohl Trost so wichtig für uns Menschen ist, höre ich selten Menschen über Trost und die Sehnsucht danach sprechen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir uns verletzlich machen, wenn wir darüber reden. Oder vielleicht damit, dass wir nicht mehr wissen, wie wir einander Trost spenden können.

Ich habe vor kurzem gelesen, dass Trost aus der akademischen Welt verschwunden ist. In der Antike war die «Consolatio» ein eigens Genre. Cicero war Meister dieser Kunst. Seneca schrieb drei berühmte Briefe an trauernde Witwen, um sie zu trösten.

«Tröstet, tröstet, mein Volk» diese Worte eröffnen das 40. Kapitel des Buches Jesaja. Es sind kraftvolle Worte, im Kontext vom Leiden und Schmerz. Die Israeliten trauern um die verlorene Heimat, aus der sie vertrieben worden sind. Sie trauern auch um den Tempel, der Ort, an dem man früher Gott begegnet ist. Dazu kommt, dass die neuen Machthaber eine harte Steuerpolitik führen, die die Israeliten in die Verarmung und Schuldknechtschaft führt.

«Tröstet, tröstet, mein Volk» sind die ersten Worten, die Jesaja an alle, die Halt verloren haben, an die, die Vertrautes vermissen, an diejenigen, die sich neu ausrichten müssen, spricht.

Jesaja erkennt wie die Philosophen der Antike, dass es Verluste gibt, die einfach nicht wieder gut zu machen sind. Erfahrungen, von denen man sich nicht wieder erholen kann, Wunden, die man den Rest des Lebens trägt. In Jesaja und anderen Meistern der Trost-Kunst steckt das Gefühl, dass wir nicht allein sind, nicht im Stich gelassen werden mit einem Elend, das nur wir selbst erfinden. Diese alten Texte können uns helfen, Worte für das Unaussprechliche zu finden, für Erfahrungen der Isolation, die uns im Schweigen einzuschliessen scheinen.

So fühlen sich die Menschen, an die sich Jesaja richtet, sprach- und machtlos. Unrecht und Ungerechtigkeit zerstören das Zusammenleben und spalten die Gesellschaft. Jesaja gehört zu einer Gruppe von Menschen, die sich gesandt sehen, Trost zu spenden: «den Armen frohe Botschaft zu verkünden, die zu verbinden, die ein zerbrochenes Herz haben, auszurufen, den Gefangenen die Befreiung und den Gebundenen die Lösung ihrer Fesseln» (Jes 61,1f). Trost zu spenden ist also eines der Kennzeichen für Gottes Befreiungshandeln. In diese Tradition wird sich Jesus stellen.

Es gibt drei Ebenen von Trost, die mir wichtig scheinen. Die erste ist die persönliche Ebene, meine Geschichte, meine Erfahrung, mit Gott. Trost hängt ursprünglich mit treu zusammen. Jesaja erinnert das Volk daran, dass Gott treu bleibt. Er nutz folgendes Bild dafür: «Wie einen, den seine Mutter tröstet, so werde ich euch trösten» (Jes 66). Ich halte euch und tröste euch, bis ihr wieder Vertrauen fassen könnt. Wo erkennen wir in unserem Leben die Treue Gottes? Dies kann uns eine Quelle von Trost sein.

Die zweite Ebene ist diejenige, die in persönlicher Begegnung mit jemand anderem geschieht. Jemand, der einen geliebten Menschen, oder seine Stelle, verloren hat oder jemand der einen schwierigen Weg gehen muss und keine Zuversicht spürt und trostbedürftig ist.

Und die letzte Ebene von Trost ist eine politische. Denn Trost führt dazu, dass das Zusammenleben wieder funktioniert und dass Solidarität untereinander die Gemeinschaft trägt.

Deshalb ist «Trost zu spenden» ein wichtiger Dienst. Besonders in der aktuellen Zeit. Es braucht offene Ohren und ein offenes Herz, um den anderen zu verstehen, was er erlebt und durchmacht. Es braucht Geduld und nicht das Bestreben, immer die eigene Meinung durchsetzen zu wollen. Es braucht, dass wir aus dem richtig oder falsch ausbrechen und grosszügig mit anderen werden. Denn wer Trost empfangen hat, kann nicht anders als ihn weitergeben. So tragen wir bei zu einem einfühlsamen Miteinander, das uns nicht kalt lässt. So wie der Arzt, der eine andere Seite der Pandemie zeigt: Du bist mir wichtig, ich sehe dein Leid, ich bin für dich da. Amen.

Bild: Go Nakamura (Getty Images)

Überraschend - Predigt zur Amtseinsetzung von Lea Scherler in der Kirchgemeinde Bürglen 18.10.2020

Bibeltext: Jeremias 1:4-8 (Zürcher Übersetzung)

Und das Wort des Herrn erging an mich: Bevor ich dich gebildet habe im Mutterleib, habe ich dich gekannt, und bevor du aus dem Mutterschoss gekommen bist, habe ich dich geweiht, zum Propheten für die Nationen habe ich dich bestimmt. Und ich sprach: Ach, Herr, Herr, sieh, ich weiss nicht, wie man redet, ich bin ja noch jung! Der Herr aber sprach zu mir: Sag nicht: Ich bin noch jung. Wohin ich dich auch sende, dahin wirst du gehen, und was immer ich dir gebiete, das wirst du sagen. Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir, um dich zu retten! Spruch des Herrn.

Ganz überraschend...

Letzten Donnerstag, stehe ich viertel vor Sechs auf, und nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg zu längst abgemachten Termin im Berner Oberland. Der Bus kommt pünktlich an. Das ist ein gutes Zeichen.

Am Bahnhof Biel angekommen, merke ich, dass der Zug nach Bern zu einem anderen Zeitpunkt als sonst fährt. Ich versuche mich zu beruhigen. Fährt der Zug oder nicht? Eine Dame kündigt an: «Der Zug nach Bern fällt aus, bitte nehmen Sie den Zug nach Belp»

Für Pendler heisst es jetzt, schnell auf den nächsten Zug nach Bern rennen. Das tue ich auch. Ich schaffe es auch und bin froh, dass ich sitzen kann. Nun bleibt mir nichts anderes, als die verspätete Abfahrt in einem gefüllten Zug nach Bern zu akzeptieren, aber immerhin bin ich unterwegs. Die scheinbare Ruhe hält aber nicht lange, denn die nächste Überraschung wartet auf uns in Schüpfen. Der Zug kann nicht weiterfahren. Wir müssen aussteigen, und selber schauen, wie es weiter geht. Hunderte von Menschen gestrandet in Schüpfen. Einige machen Fotos, andere sind klüger und organisieren ein Taxi. Wiederum andere gehen zur Hauptstrasse und versuchen es mit Autostopp. Andere rufen Kollegen an und werden abgeholt. Ich stehe da und staune, wie wir alle überraschend überrumpelt worden sind.

Und Sie? Wann war das letzte Mal, dass Sie überrascht worden sind?

War es bei einem Geburtstag, oder auf dem Weg zur Arbeit? Oder in den Ferien?

Überraschungen gehören zum Leben. Es gibt gute und böse Überraschungen. Die guten erfreuen einem das Herz, die anderen schockieren uns.

Wir freuen uns, wenn wir einem Menschen eine Überraschung bereiten können. Sein Gesicht hellt sich auf. Er freut sich über dieses Unerwartete. Und wir freuen uns mit ihm. Doch es gibt Menschen, die man mit nichts mehr überraschen kann. Sie sind so in ihrer Routine gefangen, dass es in ihrer Welt nicht Neues gibt, das sie überraschen kann. «Es gibt nichts Neues unter der Sonne».

Manchmal denke ich, dass wir in einer Zeit leben, in der es wenig Raum für grosse und zum Teil kleine Überraschungen gibt. Die Nachrichtenflut und die ständige Planung bis ins Detail lassen uns nicht mehr gross erstaunen. Und dennoch haben wir am Anfang des Jahres nicht gedacht, dass wir hier heute mit Masken den Gottesdienst feiern werden.

Überraschungen in der Bibel – von sich selber überraschen

Es gibt aber besondere Überraschungen, die eine lange Auswirkung in unserem Alltag haben können, Corona war eine davon. Zu diesen besonderen Überraschungen zählen für mich auch diejenigen, die für uns einen Wendepunkt in unserem Leben bedeuten. Überraschungen, wie eine Diagnose, oder eine Krise, oder unerwartete Arbeitslosigkeit.

So ist es bei Jeremias, dem Sohn eines Priesters, der eine lebensbedeutende Überraschung erlebt. Er versucht als junger Mensch, in einer schwierigen politischen Zeit aufzuwachsen. Eine Zeit, in der Juda und Jurasalem von Babylonien bedroht werden. Als junger Bursche, der nicht weiss, was er vom Leben will und was das Leben von ihm will, bekommt er einen Ruf von Gott. Ein Auftrag, der ihn herausfordert und vielleicht auch ein Stück überfordert und ihn zweifeln lässt, ob er es schaffen wird oder nicht. Seine Pläne werden durchkreuzt, die Richtung muss sich ändern. Er sucht nach Orientierung und reagiert in der Überraschung ängstlich und abweichend:

«Ach, Herr, Herr, sieh, ich weiss nicht, wie man redet, ich bin ja noch jung!».

Sich zu schützen, wenn man ganz unerwartet überrascht wird, gehört zum Menschsein. Aber Gott lässt Jeremias nicht los. Er glaubt an ihn:

«Sag nicht: Ich bin noch jung. Wohin ich dich auch sende, dahin wirst du gehen, und was immer ich dir gebiete, das wirst du sagen».

Dies hilft Jeremias, den ersten Schock zu überwinden und «Ja» zu den Überraschungen zu sagen.

Er nimmt den Auftrag von Gott an. Dadurch überrascht er sich selber. Denn er merkt, nicht nur ein ängstlicher Mensch wohnt in ihm, sondern auch ein mutiger.

Diese Geschichte erinnert mich: «Lass dich selber gelegentlich von dir überraschen»

Ich merke: Wir brauchen Überraschungen, die uns aus der Routine werfen, die uns helfen, uns selber zu hinterfragen. Überraschungen, die uns das entdecken lassen, was in uns unscheinbar und verborgen ist. Überraschungen, die neue Wege eröffnen.

Von anderen überrascht werden – nicht immer einfach

Deshalb die Einladung, die sich in den biblischen Geschichten häufig wiederholt: Sag ja zu den Überraschungen, die deine Pläne durchkreuzen! Lass dich vom Leben, von den Wegen, die sich auftun überraschen. Und in den schwierigen bösen Überraschungen vergiss die Zusage Gottes nicht: Fürchte dich nicht!

Dies ist nicht immer einfach, vor allem, wenn wir von unseren Mitmenschen böse überrascht werden. Denn dann verschliessen wir uns und sind voller Misstrauen. Wir möchten nicht wieder enttäuscht und verletzt werden.

Und dennoch kann es befreiend sein, eine kleine Türe offen zu behalten für das Überrascht werden durch andere. Statt zu denken: Ach, von ihm kann man nichts anderes erwarten. Es kann befreiend sein, von anderen zu hoffen: Vielleicht überrascht er mich mal.

Ivan Illich, ein österreichischer Priester, schrieb einmal etwas, was ich mir zu Herzen genommen habe:

Unsere Hoffnung auf Erlösung liegt darin,

dass wir von dem Anderen überrascht werden.

Mögen wir lernen, immer neue Überraschungen zu erleben.

Ich habe mich schon vor langer Zeit entschlossen,

bis zum letzten Akt meines Lebens,

also im Tode selber, auf Überraschungen zu hoffen.


Überraschung und Gnade - Ja sagen zu den Überraschungen

Das wünsche ich mir und Ihnen, dass wir bis zum Ende unseres Lebens auf neue gute Überraschungen hoffen können und nicht aufgeben, daran zu glauben, dass wir immer wieder reich beschenkt werden können. Dass wir nicht aufhören zu staunen, auch über die kleinen Wunder im Alltag.

Und diese Hoffnung auf positive Überraschungen wünsche ich mir auch für unsere Kirche. Besonders in dieser Zeit, in der wir nicht nur mit Corona konfrontiert sind, sondern auch mit vielen Sparmassnahmen und einem grossen Mitgliederschwund.

Ich wünsche mir, dass wir uns als Kirche von dem Überraschungseffekt nicht lähmen lassen, wenn schlechte Nachrichten kommen, wie zum Beispiel Budget-Kürzungen wegen Corona. Ich wünsche mir, dass die kreative Kraft des vergangenen Frühlings, die dem Lockdown folgte, weiterlebt und uns ermutigt, neue überraschende unerwartete Wege zu gehen.

Ich wünsche mir eine Kirche, die andere positiv überraschen kann. Eine Kirche, die negative Überraschungen in Impulse verwandeln kann. Eine Kirche, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit; eine Kirche, die zum Ort der Befreiung wird, weil sie eine Tür für Neues offenlässt.

Ich wünsche mir eine Kirche, die sich durch neue Ströme überraschen lässt und nicht dagegen hält. Eine Kirche, die andere zum Staunen bringt und selber staunen kann.

Eine Kirche, die wie Jeremias, dem Ruf Gottes antwortet und von sich selber überrascht wird. Amen.

Euch erwartet das Leben! - Osterpredigt 12.04.2020

Bibeltext: Johannes 20:1-18 (Zürcher Übersetzung)

Am ersten Tag der Woche kommt Maria aus Magdala frühmorgens noch in der Dunkelheit zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weggenommen ist. Da eilt sie fort und kommt zu Simon Petrus und zu dem anderen Jünger, den Jesus lieb hatte, und sagt zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab genommen, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Da brachen Petrus und der andere Jünger auf und gingen zum Grab. Die beiden liefen miteinander; doch der andere Jünger lief voraus, war schneller als Petrus und kam als Erster zum Grab. Und als er sich vorbeugt, sieht er die Leinenbinden daliegen; er ging aber nicht hinein. Nun kommt auch Simon Petrus, der ihm folgt, und er ging in das Grab hinein. Er sieht die Leinenbinden daliegen und das Schweisstuch, das auf seinem Haupt gelegen hatte; es lag nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengerollt an einem Ort für sich. Darauf ging nun auch der andere Jünger, der als Erster zum Grab gekommen war, hinein; und er sah, und darum glaubte er. Denn noch hatten sie die Schrift, dass er von den Toten auferstehen müsse, nicht verstanden. Dann kehrten die Jünger wieder zu den anderen zurück.

Maria aber stand draussen vor dem Grab und weinte. Während sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein. Und sie sieht zwei Engel sitzen in weissen Gewändern, einen zu Häupten und einen zu Füssen, dort, wo der Leib Jesu gelegen hatte. Und sie sagen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie sagt zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiss nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Das sagte sie und wandte sich um, und sie sieht Jesus dastehen, weiss aber nicht, dass es Jesus ist. Jesus sagt zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Da sie meint, es sei der Gärtner, sagt sie zu ihm: Herr, wenn du ihn weggetragen hast, sag mir, wo du ihn hingelegt hast, und ich will ihn holen. Jesus sagt zu ihr: Maria! Da wendet sie sich um und sagt auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni! Das heisst ‹Meister›. Jesus sagt zu ihr: Fass mich nicht an! Denn noch bin ich nicht hinaufgegangen zum Vater. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria aus Magdala geht und sagt zu den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und berichtet ihnen, was er ihr gesagt hat.

Ostern, Fest der Hoffnung?

Ostern ist das Fest der Hoffnung. Doch angesichts des Coronavirus stellt sich die Frage, können wir noch Hoffnung haben?

In den letzten Tagen denke ich oft an meine Heimat, Argentinien. Es war Dezember 2001, als wir alle am Fernsehen sahen, wie unser Land den Bankrott erklärte. Wir waren alle mit Leib und Seele betroffen. Diese Sorge und Angst um die Zukunft spürte ich in den letzten Tagen wieder. Gleichzeitig aber, wenn ich diese Predigt schreibe, denke ich daran, wie wir damals in der Krise aufgestanden sind. Besonders erinnere ich mich an Lied, das wir in diesen Tagen an der Schule lernte. Das Lied heisst: „Color esperanza“ (deutsch: Farbe Hoffnung) von Diego Torres. Der Refrain sagt:

Zu wissen, dass es möglich ist, in der Lage zu sein

Ängste loszuwerden, sie zu vertreiben

Das Gesicht mit der Farbe Hoffnung zu schminken

Die Zukunft mit dem Herzen zu berühren

Diese Worte berühren mich sehr. Vor allem, weil ich sie mit der Erinnerung an die Stimmen verbinde, die in der Zeit der Krise in Argentinien, vereint dieses Lied Color esperanza sangen. Singen war eine Form, Kraft zu finden, um die Krise zu bewältigen und die Ängste zu vertreiben. So keimte auch die Hoffnung wieder auf.

Gerade die Ostergeschichte erinnert uns daran, dass der Tod und alles, was tödlich ist, nicht das letzte Wort haben. Dies erfährt Maria auch in der Begegnung mit Jesus. Sie bekommt einen klaren Auftrag: Erzählt den anderen! Gib den anderen Hoffnung! Euch erwartet das Leben!

Euch erwartet das Leben!

Uns erwartet das Leben! Diese ist die österliche Verheissung.

Wir feiern Ostern, um zu sagen und zu singen, dass das, was wir sehen, nicht das Ganze und nicht das Letzte ist.

Wir feiern Ostern, um uns im Hoffen zu bestärken. Auch wenn wir heute nicht in der Kirche zusammen feiern, sind wir durch die Ostergeschichte und die alte Tradition dieser Feiern miteinander verbunden. Wir glauben an die Kraft dieser Verbundenheit, die schon in der Begegnung zwischen zwei Menschen, wie Maria und Jesus, beginnt.

Können wir angesichts des Coronavirus noch Hoffnung haben? Ja, dazu sage ich tausend Mal: JA. Darauf sollen wir all unsere Kräfte einsetzen.

Die Geschichte geht weiter...

Die Ostergeschichte geht weiter. Als die Jünger und Jüngerinnen am Abend der Auferstehung von Jesus aus Angst, auch verfolgt zu werden, in einem Haus eingeschlossen und alle Hoffnung aufgegeben haben, da tritt Jesus mitten unter sie und sagt: Friede sei mit euch! wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich euch. (Jh. 20, 21).

Möge dieser Frieden uns in diesen Tagen erfüllen und uns neue Hoffnung schenken. Eine Hoffnung, die trotz allem das Leben bejaht! Amen.


Bleiben Sie gesund! - Hausandacht 24.03.2020

Segen im Alltag

In den letzten Tagen ist mir aufgefallen, dass andere Formen sich zu begrüssen oder zu verabschieden in unserer Gesellschaft entstehen. Beim Telefonieren fragt man häufiger mit grossem Interesse: Wie geht es Dir? Besonders ist mir aber aufgefallen, dass alle Gespräche, mit Bekannten oder Unbekannten anders enden, nämlich mit dem Wunsch: Bleiben Sie gesund!

Gesundheit ist das Erste, was sich frischgebackene Eltern für ihre Kinder wünschen. Gesundheit wünschst man sich auch im hohen Alter, aber auch zum Neuen Jahr oder beim Geburtstag.

Bleiben Sie gesund! Dieser Satz erinnert mich an das «b’hüte dich Gott» der Grossmütter. «Bleiben Sie gesund und b’hüte dich Gott» haben mit Heil, aber auch mit Schutz zu tun. In der Bibel kommen diese beiden Aspekte in dem Segen vor. Segen, Bene dicere auf Lateinisch, bedeutet «Gutes sagen, gut sprechen – zu anderen». Damit ist eine wohlwollende innere Haltung gemeint, in Bezug auf Menschen wie auch auf Vorhaben. In unserem Alltag formulieren wir auch ständig solche Segenswünsche: Gute Reise! Gute Besserung! Guten Tag! Gutes Gelingen! Alles Gute zum Geburtstag! Und jetzt neu: Bleiben Sie gesund!

Segen bedeutet aber viel mehr als gutheissen. Segen heisst, jemanden oder uns selbst in den Raum Gottes stellen. Und uns Gott anvertrauen: Gott segne mich, Gott segne dich.

Segen in der Bibel

Schon im Alten Testament kommt der erste Segen vor: «Gott segne dich und behüte dich. Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.» (Numeri 6, 24-26)

Diese Worte kommen immer am Ende des Gottesdienstes vor. Sei es als Gebet oder als Zuspruch. Einmal sagte mir eine Frau: «Ich komme zum Gottesdienst, um den Segen zu erhalten.»

In diesen Zeiten von Corona merken wir, wie gut es tut, Zuspruch zu erhalten. Eine Ermutigung für unseren Alltag. Ein gutes Wort in einer Zeit der Unsicherheit und der Verzweiflung.

In der Bibel ist Gott der erste, der den Segen spricht. In der Schöpfungsgeschichte, ganz am Anfang der Bibel, sieht Gott alles, was er erschaffen hatte und sprach: Alles ist sehr gut.

Segen in der Antike

Ausserhalb der Bibel gibt es auch Belege, die zeigen, wie Menschen den Segen mit sich trugen. Im Jahre 1979 fanden Ausgräber in Jerusalem zwei Silberstreifen, deren unsichere Datierung zwischen dem 7. und 4. Jh. V. Chr. angesetzt wird. In eingerolltem Zustand dienten sie wahrscheinlich als Amulette, die um den Hals getragen wurden. Auf beiden Amuletten steht das Thema Segen im Vordergrund. Dem Träger der Amulette diente also der Segen und Schutz Gottes zur Abwehr des Bösen und der Krankheit.

Gottes "Ja" zu uns

Gottessegen, Gottes gutheissen ist sein «Ja» zu uns Menschen. Gott wendet sich im Glück, aber auch im Leid zu uns. Segnen bedeutet nicht, einem anderen zu versichern: Alles ist gut, alles gelingt dir, nichts wird dir passieren. Gottes Segen schützt nicht vor allem Unglück wie ein Schirm vor Regen, aber er trägt in allem Leid und durch alles Leid. Segnen heisst also: Das ganze Leben gutheissen – mit seinem Gelingen und seinen Brüchen, seinem Scheitern. Das Schönste an dem Segen ist, dass Gott der ist, der uns segnet. Also «ich muss» nichts leisten. Ich darf empfangen.

Segen in der Corona-Zeit

Nun seien Sie gesegnet in dieser Zeit:

Gott segne dich in deiner Unsicherheit, damit du Kraft und Stärkung in deinem Alltag findest.

Gott segne dich in deiner Angst und schenke dir Menschen, die dich ermutigen, unterstützen und dir helfen.

Gott gebe dir Hoffnung und Zuversicht in den Stunden der Überforderung.

Gott segne dich in deiner Einsamkeit und lasse sein Licht über dich leuchten. Er schenke dir Verbundenheit mit ihm, anderen Menschen, der Natur und dem Universum.

Gott segne dich und allen, die dir lieb sind.

Gott segne all die Menschen, die leiden und krank sind. Sowie alle, die in diesen Tagen voll im Einsatz sind.

Gott segne dich und behüte dich. Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.

Amen.