Blumen Artist
1. April 2020
Letzte Woche erstellte mich jemand folgende Fragen: Es heisst ja: „Not lehrt beten.“ Stimmt das? Wie würden Sie die Situation in Ihrer Kirchgemeinde beschreiben? Wie hat sich Ihre seelsorgerliche Tätigkeit gegenüber der Zeit vor der Krise verändert? Wie viele zusätzliche Anfragen kommen? Äussern die Älteren und andere, die zu einer Risikogruppe gehören, Todesangst? Welche Probleme ergeben sich durch Massnahmen wie faktischen Hausarrest (auch mit anderen im Haushalt) oder durch allfällige wirtschaftliche Nöte?
Seelsorge läuft in unserer Kirchgemeinde weiter. Auf der einen Seite sind unsere Mitglieder da, die uns anrufen oder wir Kontakt mit ihnen aufnehmen, und auf der anderen Seite haben wir eine Seelsorgenummer eingerichtet. Wir sind auch bemüht, die Kontakte in den Altersheimen, in denen wir in der Seelsorge tätig sind, aufrecht zu erhalten.
«Not lehrt beten» - Das Gebet hat eine unglaubliche Kraft. In dieser Zeit der Krise merke ich zwei Sachen: Das tägliche Gebet kann einen Rhythmus im Alltag geben. Das Wiederholen von diesem Ritual hilft uns in unserer Routine, die ganz anders als vor ein paar Wochen geworden ist. Die zweite Sache ist, dass ich in mir eine Sehnsucht spüre, mich mit etwas Grösserem zu verbinden. Die Not ist zurzeit gross: Wir sehen die Bilder überlasteter Krankenhäuser in Italien oder Menschen in Indien, die zu Fuss 600 Kilometer zurücklegen müssen, um nach Hause zurückzukehren. Gleichzeitig richten wir unseren Blick nach vorne und fragen uns, wie die Krise unsere Welt beeinflussen wird. Die christliche Tradition kennt verschiedene Formen des Betens. In Benediktinerklöstern lebt man nach dem Motto «Ora et Labora» (Bete und Arbeite). Also im Alltag gibt es auch Pausen, um zu beten. Deshalb ist die aktuelle Zeit auch eine Chance, das Gebet im Alltag neu zu entdecken.
Für uns ist es neu, dass wir in der Seelsorge auf die persönliche Begegnung verzichten müssen. Seelsorge nimmt den ganzen Menschen wahr. Mit seiner Geschichte, aber auch mit seiner Umgebung und Körpersprache. Nun teilen wir unsere Aufmerksamkeit am Telefon. Seelsorgehotline gibt es zum Beispiel in Deutschland seit Jahren. Wir kennen in der Schweiz etwas Ähnliches, die Nummer 143.
Ältere Menschen und weitere besonders betroffene Menschen äussern Angst. Vor allem die ersten Tage nach dem 16. März war spürbar, dass viele durcheinander waren (nicht nur ältere Menschen), sondern auch jüngere Menschen und Berufstätige. Angst ist in sich selber nicht schlimm. Es wäre ungewöhnlich, in dieser Krise keine Angst, keine Unsicherheit zu spüren. Angst warnt uns vor Gefahr. Wichtig ist, was ich mit der Angst mache. Viele berichten am Telefon, wie sie mit dieser Situation umgehen. Viele haben Ressourcen, die sie aktivieren. Ressourcen wie: Lieder singen, andere Menschen anrufen, Karte schreiben, ein Buch lesen, für jemanden kochen, usw.
Wenn man vorwiegend zu Hause bleiben muss, können verschiedenen Schwierigkeiten auftreten. Wie zum Beispiel, körperliche Beschwerden, durch die weniger gewordene Bewegung oder Stresszunahme, wegen der Übernahme der Kinderbetreuung und der Kombination mit HomeOffice. Besonders möchte ich auf die Zunahme der häuslichen Gewalt hinweisen. Der Dachverband männer.ch hat ein Survival-Kit erstellt für Männer unter Druck, damit sie gewaltfrei durch die Krise kommen. Frauen können sich beim Frauenhaus Biel melden oder direkt bei der Polizei. Wirtschaftliche Nöte waren teilweise bereits vorher da und wir vermuten, dass sie nach der Krise grösser sein werden. Seit Mitte März bieten wir eine Notfallberatung in Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche Biel und der Heilsarmee an. Dazu helfen wir auch bei der Lebensmittelabgabe.